Journalisten müssen sich von der Standard-Ökonomie emanzipieren

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Ferdinand Knauß analysierte, wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde

Ferdinand Knauß

Am 6. April 2017 stellte Ferdinand Knauß sein neues Buch „Wachstum über Alles?“ in der Bibliothek des Konservatismus vor. Der studierte Historiker und Redakteur der Wirtschaftswoche untersuchte dabei die Geschichte der deutschen Wirtschaftsberichterstattung, um zu klären, wie der Begriff „Wachstum“  seine Deutungshoheit erlangen konnte und wie diese von Ökonomen und Politikern für ihre Zwecke instrumentalisiert wurde. In seinem Vortrag kritisierte Knauß die Symbiose von Wachstumspolitik und Wirtschaftsjournalismus. Das Paradigma des Wirtschaftswachstums als alleinseligmachendes sei erst über die Zeit entstanden und vor allem in den fortschrittsgläubigen 1960er Jahren propagiert worden, um besser Umverteilen zu können.

Stetiges Wachstum sei kein „natürliches“, zeitloses Ziel und eine Politik für Wachstum genauso begründungsbedürftig wie jede Politik, so Knauß. Dem Wirtschaftsjournalismus fehle das Bewußtsein dafür, daß Wachstum unter ganz bestimmten historischen Bedingungen und angesichts bestimmter sozialer und politischer Aufgaben in der Mitte des 20. Jahrhunderts Priorität haben mußte, aber nicht unabhängig von diesen historischen Voraussetzungen war. Das Wachstumsparadigma habe im 20. Jahrhundert seine historische Notwendigkeit gehabt, diese jedoch längst übererfüllt. Dennoch halte, trotz nicht nachlassender Kritik, die lange Gegenwart des Wachstumsparadigmas an. Diese äußere sich im Wirtschaftsjournalismus in immer wiederkehrenden Narrativen. Knauß verwies dabei auf drei Erzählmuster, die unterhinterfragt immer wiederkehrten und  große Wirkmächtigkeit erlangt haben. Zum einen das Wachstum der Grenzen durch Innovation, weiterhin der Standort Deutschland als ökonomisches „Ersatzvaterland“ und der derzeit immer wieder oft gebrachte Narrativ vom „Einwanderer als Wachstumsretter“. Diese Leitideen, die Journalisten von Politikern und vor allem Politik beratenden Ökonomen übernehmen, würden nicht mehr hinterfragt, sondern als gegeben nacherzählt.

Knauß forderte ein gestärktes Geschichtsbewußtsein des Wirtschaftsjournalismus, um sich kritischer mit Aussagen der Standard-Ökonomie auseinanderzusetzen. Kritik und Kontrolle der Macht seien zentrale Aufgaben der freien Presse. Diese Macht sei allerdings nicht immer nur bei den Regierenden zu suchen, sondern auch da, wo ihre Leitideen entwickelt werden. Gerade auch Wirtschaftswissenschaftler übten, vor allem wenn sie die Mächtigen beraten, Macht aus. Eine zutiefst politische Wissenschaft wie die Ökonomie, so Knauß zum Abschluß, müsse in einer freien Gesellschaft von Journalisten kritisiert werden – und dafür sei es auch nötig, sich von der Standard-Ökonomie zu emanzipieren und das Wachstumsparadigma stetig zu hinterfragen.

2017-05-19T11:33:39+00:00