Der anständige Kaiser von Österreich

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Eva Demmerle sprach über den letzten österreichischen Kaiser Karl I.

Eva Demmerle in der BdK

Am 9. Februar 2017 stellte die Historikerin Eva Demmerle ihr Buch „Kaiser Karl – Mythos und Wirklichkeit“ vor über 50 Zuhörern in der Bibliothek des Konservatismus vor. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit den Christdemokraten für das Leben (CDL) Berlin durchgeführt. Eva Demmerle ist eine der größten Kennerinnen der Familie Habsburg, die viele Jahre für den Sohn Kaiser Karls, Otto von Habsburg, im Europaparlament gearbeitet hat. Ihre Biografie widmet sich dem einzigen Staatschef der kriegsführenden Mächte, der tatsächlich versuchte hat, den Ersten Weltkrieg zu beenden.

So schrieb der französische Dichter Anatole France über ihn: „Kaiser Karl war der einzige anständige Mensch, der in diesem Krieg auf einem führenden Posten aufgetaucht ist. Er wünschte ehrlich den Frieden und deshalb wurde er von der ganzen Welt verachtet. So wurde eine einmalige Gelegenheit verscherzt.“

Demmerle zeigte in ihrem Vortrag auf, daß er zudem der einzige politische Entscheider war, der den Alltag des Krieges kannte, in den Schützengräben gestanden und das Leid und die Opfer der Soldaten gesehen hatte. Als Verbindungsoffizier des österreichischen Oberkommandos war Karl von Habsburg 1914 bis 1916 mehrfach an der Front. Mit dem Tode Franz Joseph II. wurde er 1916 zum Kaiser von Österreich und übernahm nicht nur die politische Macht, sondern auch den Oberbefehl über die Armee. Laut Demmerle erbte er einen Krieg, den er nicht gewollt hatte und erkannte die Aussichtslosigkeit der Lage der Mittelmächte. Daher versuchte er über seinen Schwager, Prinz Sixtus von Bourbon-Parma, den Entente-Mächten England und Frankreich konkrete Angebote zu unterbreiten – nach vorheriger Konsultation mit Kaiser Wilhelm II. Vor allem England reagierte positiv, allein Italien stellte sich quer. Doch nicht nur von außen wurde seine Initiative torpediert, auch die Deutsche Oberste Heeresleitung verweigerte jegliche Unterstützung. Trotz mehrfacher Versuche, auch in Bezugnahme auf den Friedensappell von Papst Benedikt XV. wurden die redlichen Friedensbemühungen Kaiser Karls I. sowohl vom Bündnispartner als auch von den meisten der Entente-Mächte immer wieder hintertrieben.

Mehr Erfolg hatte der junge Kaiser im Innern, wo er die Modernisierung vorantrieb und zudem ein sehr modernes Konzept der Föderalisierung Mitteleuropas erarbeitete, welches er nach Kriegsende und erzwungenem Exil nicht mehr in die Tat umsetzen konnte. Weitsichtig fürchtete er sich vor dem, was passieren würde, sollte der Donauraum zersplittern. Seine konkreten Befürchtungen sah er nicht mehr wahr werden. Er verstarb 1922 im Alter von nur 35 Jahren im Exil auf Madeira. Eva Demmerle präsentierte den in Deutschland eher unbekannten letzten österreichischen Kaiser als Mann mit klaren Vorstellungen, dem man durchaus eine längere Regierungszeit gewünscht hätte.

2017-05-19T11:33:40+00:00