Thor Kunkel, Foto: © John Buchner

Berlin, Januar 2016: Die Welt von Harro Grunenberg, Leiter einer Agentur für ethische Werbung, wird unsanft erschüttert, als er zufällig erfährt, daß seine Tochter Opfer einer Vergewaltigung wurde. Merkwürdigerweise scheint der Vorfall im „woken“ Milieu – wo er und seine Frau ihre Brötchen verdienen – „unsagbar“ zu sein, mutmaßlich, weil der Täter Einwanderer ist. In einer Zeit, in der Meinungsfreiheit zu einem Gnadenerweis der Elite geworden ist und Medien Tatsachen als „auf­ vernünftige Weise nicht ­mehr ­besprechbar“ (Die Welt, 3.2.2015) empfinden, darf es keine Ausnahme geben – eine Regel, die der Werbe­-Guru allerdings nicht einsehen will. Verstört von dem seelischen Kältestrom seiner Umgebung, die darauf beharrt, es „sei doch nichts passiert“, begibt sich Grunenberg („Grünchen“) auf einen ebenso subversiven wie aberwitzigen Rachefeldzug.

Mit Hilfe einer säkularisierten Muslima und Modemacherin versucht er, durch die Neuauflage des Keuschheitsgürtels ein „aktuelles Zeichen zu setzen“ – gegen „die importierte Frauenfeindlichkeit und die Schattenseiten der Kulturbereicherung“. Doch die Bessergutmenschen Berlins haben, denen Grünchen seinen Platz im Garten der Eloi (ein aus dem Hebräischen entlehntes Sinnbild vom Paradies) verdankt, hat für diese Sorte Zivilcourage kein Verständnis. Der enttarnte Konterrevolutionär wird verbannt und erlebt infolgedessen alle Stationen der gesellschaftlichen Ächtung bis hin zu seiner Entmenschlichung als „Unperson“, derer sich die eigenen Kinder schämen. Der abgewirtschaftete Lischenzy (wie man im nachrevolutionären Rußland „Entrechtete“ nannte) findet zuletzt nur noch Unterschlupf in einer konspirativen dunkeldeutschen Ost­-Männer-­WG, die von der „Notwende“ – einer Rücknahme der deutschen Wiedervereinigung von 1989 – träumt. Angesichts dieser Fallhöhe grenzt es dann fast an ein Wunder, daß Grünchen am Ende doch noch gewinnt.

Thor Kunkel, geboren 1963, ist Schriftsteller und arbeitete viele Jahre als selbständiger Creative Consultant und Imageberater. Er studierte Bildende Kunst u. a. in Frankfurt/Main und San Francisco. Viele Jahre war er als kreativer Kopf für britische und holländische Werbeagenturen tätig. Als Creative Director betreute er u. a. Werbehochkaräter wie Adidas, BMW, Coca-Cola und das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Mit seinem Debüt Schwarzlichtterrarium (2000) machte er als Romanautor auf sich aufmerksam und zählt mittlerweile zu den meistdiskutierten deutschsprachigen Schriftstellern. Sein Buch Endstufe löste 2004 eine heftige Debatte in den Feuilletons aus. Weitere Roman von Thor Kunkel sind u. a. Kuhls Kosmos (2008), Subs (2011), Wanderful – Mein neues Leben in den Bergen (2014) und zuletzt Im Garten der Eloi – Geschichte einer hypersensiblen Familie (2022).

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