6. Jungkonservatives Seminar zur Bedeutung der Antike für konservatives Denken heute

Die Althistoriker Egon Flaig und David Engels boten den Teilnehmern verschiedene Perspektiven

Teilnehmer des 6. Jungkonservativen Seminars (hinten v. l.: David Engels, Egon Flaig)

Konservative befragen die Vergangenheit, um aus historischem Erbe und gewachsener Tradition Wegweisung für das eigene Denken und Handeln zu gewinnen. Welche Bedeutung in diesem Zusammenhang die Antike für konservatives Denken heute hat, war Thema des 6. Jungkonservativen Seminars, das vom 5. bis 7. Dezember 2025 stattfand.

Um sich der Fragestellung zu nähern, hatte die BdK professionellen Sachverstand zu Rate gezogen. Egon Flaig, emeritierter Althistoriker an der Universität Rostock, und David Engels, vormals Professor für Römische Geschichte an der Freien Universität Brüssel, führten die 20 Teilnehmer – Studenten und Jungakademiker verschiedenster Fachrichtungen, die sich vorab umfassend in antike Primärtexte sowie deren neuzeitliche Rezeption einzuarbeiten hatten – ebenso versiert wie routiniert durch das Wochenende.

Als besonders bereichernd empfanden die Teilnehmer die unterschiedliche Herangehensweise beider Referenten an das Thema. Egon Flaig etwa sieht die Gegenwart nicht in einer geistesgeschichtlichen Kontinuität mit der Antike verbunden, sondern in einer Diskontinuität, die allerdings Orientierungspunkte für die Gegenwart bereitstelle. Ausgehend von der Frage „Wie organisieren wir unsere Stadt?“, nannte er als Beispiel für eine neuzeitliche Rezeption antiken Denkens die Federalist Papers von 1787/88, die die Weichen dafür gestellt hätten, daß sich die USA in den ersten Jahrzehnten nicht primär als Demokratie, sondern als Republik begriffen. Kennzeichnend hierfür sei die Repräsentativverfassung der USA, deren Delegationsprinzip etwas grundlegend anderes sei als das demokratische Prinzip, in dem potentiell „alle“ herrschten und das dem Rousseauschen Modell vom Contrat social (Gesellschaftsvertrag) zu Grunde liege. Das Repräsentativsystem sei um so effizienter, je größer die Republiken seien, innerhalb deren Macht delegiert werde. Diese müßten am Gemeinwohl orientiert bleiben, das mehr sei als eine Aggregation partikularer Interessen. Eine Rückbesinnung auf die Antike mache mithin deutlich, daß politische Ordnungen auch ohne göttliche Legitimation dauerhaft bestehen könnten. An diese Einsicht müsse angesichts des Erstarkens des politischen Islams in Europa immer wieder erinnert werden.

Einen völlig anderen Ansatz wählte David Engels. Er sieht, anders als Flaig, Antike und Gegenwart durchaus in einer Kontinuität. Da der Mensch „immer derselbe“ sei, könne man durchaus verschiedene historische Epochen vergleichen und daraus Schlüsse ziehen. Exemplarisch habe Oswald Spengler dies in seinem Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ (1918/22) vorgeführt. Auch wenn Spengler in manchem geirrt habe, sei eine morphologische Betrachtung der Weltgeschichte nach wie vor zielführend. So seien etwa Parallelen zwischen dem Ende der römischen Republik und dem Beginn der Kaiserzeit einerseits und der gegenwärtigen Krise der westeuropäischen Demokratien und dem Auftreten „starker Männer“ (Trump, Musk u. a.) andererseits unabweisbar. Dem entspreche der bereits von Spengler beschriebene Übergang von der (begrenzten, körperhaften) apollinischen zur (dynamischen, ins Unendliche strebenden) faustischen Mentalität. Als verbindende Klammer der Epochen sieht Engels das Christentum, dessen Wiedererstarken demnach auch im Interesse eines funktionierenden Gemeinwesens liege.

Die deutlich von theoretischen Reflexionen bestimmten Seminareinheiten wurden aufgelockert durch einen gemeinsamen Besuch der Berliner Abgußsammlung Antiker Plastik am Samstagnachmittag. Dabei führte Egon Flaig die Seminargruppe sachkundig durch die Sammlung und machte auf Besonderheiten archaischer wie klassischer Skulpturen aufmerksam. Ein Filmabend (Der Tod des Sokrates, 1967) rundete das ertragreiche Seminarwochenende ab.

Egon Flaig führt durch die Abgußsammlung

Gelesen wurden (in Auszügen):

Aristides, Romrede
Aristoteles, Politik
Augustus, Res gestae
Cicero, De re publica
Demosthenes, Rede über die Symmorien
Livius, Ab urbe condita
Orosius, Historiae adversus paganos
Platon, Protagoras
Polybios, Historien
Sophokles, Antigone
Tacitus, Annalen
Jacobus de Voragine, Legenda Aurea

Benjamin de Constant, Über die Freiheit der Alten im Vergleich zu der heutigen
The Federalist Papers, No. 10
Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes

Die Bibliothek des Konservatismus (BdK) ist ein Ort konservativen Denkens und Schaffens in Berlin. Sie dient gleichermaßen dem Sammeln und Erhalten konservativer Literatur, wie der Weiterentwicklung konservativen Gedankenguts durch Vorträge und Publikationen.

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