Seminar zur Geschlechterfrage in konservativer Sicht
Das 7. Jungkonservative Seminar befaßte sich mit dem Wandel der Geschlechterrollen im 20. Jahrhundert

Konzentrierte Arbeitsatmosphäre während der thematischen Einheiten
Vom 17. bis 19. April 2026 kamen 20 Schüler, Studenten und Jungakademiker in den Räumen der BdK zusammen, um sich ein Wochenende lang mit dem Thema „Der andere Feminismus – Die Geschlechterfrage in konservativer Sicht“ zu befassen. Anhand verschiedener Texte erarbeiteten sie sich die Entwicklung des Verständnisses der Geschlechter in der Moderne. Dabei bildeten das Aufkommen des Feminismus und die Ausbildung verschiedener, dem emanzipatorischen Feminismus teilweise kritisch gegenüberstehender Varianten einen Schwerpunkt.
Um zu verdeutlichen, wo das abendländische Geschlechterverständnis seinen Ausgang nahm, wurde anhand eines Textes des protestantischen Theologen Otto A. Piper (1891–1982) zunächst das Geschlechterverständnis des Alten Testaments erarbeitet, wo es als Teil der göttlichen Schöpfungsordnung vorgestellt wird. Piper hebt die elementare Erfahrung der geschlechtlichen Begegnung hervor, die im Alten Testament als „Erkenntnis“ bezeichnet wird. Geschlechtliche Erkenntnis sei demnach „unmittelbare Selbsterkenntnis“, die der Mann nur von der Frau und die Frau nur vom Mann her gewinnen könne. Da sich diese Selbsterkenntnis allein im „Urerlebnis“ des ersten Aktes enthülle, bezeichnet Piper sie als „Mysterium“, das von der „Schüchternheit“ des jungen Mannes und der „Sprödigkeit“ der jungen Frau geschützt werde. Erst in der Vereinigung komme die „Zweisamkeit der Wirheit“ zum Ausdruck, indem das Gegenüber in das eigene Selbstverständnis hineingenommen werde.
Mit Lenore Kühn (1878–1955) kam eine konservative Stimme aus den 20er Jahren zu Wort. Kühn machte darauf aufmerksam, daß Frauen durch Erziehung und fremde Erwartungen auf bestimmte Rollen festgelegt würden, die sie wie „Masken“ vor sich hertrügen. Dabei genügten sie entweder den Erwartungen, die an eine Frau an der Seite ihres Mannes herangetragen würden, oder sie versuche, animiert durch die emanzipatorische Frauenbewegung seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts, die Rolle des Mannes einzunehmen. Beides sei der Frau nicht gemäß. Für Kühn verkörpert der Mann das Prinzip der gegenständlichen Welt, die er sich in Kampf und Auseinandersetzung unterwerfen und nutzbar machen muß. Die Frau hingegen stehe für das „Haus“ als soziales Prinzip, in dem die wesenhafte Verbundenheit mit der Natur, der Familie und den eigenen vier Wänden im Vordergrund stehe. Da für den Mann Haus und Welt unüberbrückbare Gegensätze seien, sei es an der Frau, „das Haus in die Welt zu bringen“. Sie allein sei in der Lage, ein „soziales Zeitalter“ einzuläuten. Indem die Frau dabei den Zwiespalt von Natur und Kultur überwinde und zur Synthese bringe, wird sie für Kühn zur eigentlichen Hoffnung der Konservativen.
Im nächsten Schritt wurden Abschnitte aus dem Werk „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir (1908–1986) gelesen. Ausgehend von Jean-Paul Sartres existentialistischer Ethik sieht Beauvoir den Sinn des menschlichen Lebens allein in der Selbstverwirklichung. Für die Frau ergebe sich daraus aber ein besonderes Drama, denn auch sie sei zur Autonomie berufen, doch werde ihr diese seit frühesten Zeiten durch eine patriarchalische Gesellschaft vorenthalten. Seit die moderne Frau damit begonnen habe, aktiv ihr Recht einzufordern, gebe es einen Kampf der Geschlechter, der erst dann enden könne, wenn Mann und Frau sich trotz unbedeutender physiologischer Unterschiede als gleichwertige Subjekte erkennen.
Während die biologischen Geschlechtsunterschiede für Beauvoir keine Rolle spielten, macht Camille Paglia (geb. 1947) sie bewußt zum Zentrum ihres Hauptwerkes „Die Masken der Sexualität“. Laut Paglia stehe der Mensch an der Schnittstelle zwischen Natur und Kultur. Einerseits habe er mit seinen Trieben teil an der brutalen Natur, andererseits versuche er ständig, mittels seiner Vernunft das Wilde zu zähmen. Diese Dialektik gelte in besonderem Maße für die Sexualität, die wegen ihres Naturanteils immer einen aggressiven Machtcharakter habe und ihn entgegen linker Gleichheitsphantasien auch immer behalten werde. Durch ihre Biologie nun sei die Frau der Natur in höherem Maße unterworfen als der Mann, der sich dank seiner größeren Freiheit der Kultur widmen könne. Allein aus diesem biologischen Grund sei die gesamte abendländische Kunstgeschichte von Männern dominiert worden.
Anhand eines Textes der Soziologin Eva Illouz (geb. 1961) erarbeiteten die Seminarteilnehmer, wie moderne Vorstellungen von Liebe und Paarbeziehung durch Werbung und Konsumgewohnheiten geprägt sind. Mit dem Aufkommen der Konsumgesellschaft sei eine „romantische Utopie“ entstanden. So sei zum Beispiel das „Rendezvous“ oder „Date“, was vielleicht als konservative Form der Begegnung von Mann und Frau gelten mag, erst in den letzten gut 100 Jahren als eine Form entstanden, in der gemeinsam konsumiert werde, etwa ein Kinofilm. Davor lernten sich künftige Ehepartner im Umfeld von Familien, Kirchgemeinden oder informellen Freizeitaktivitäten an ihrem Heimatort kennen. In bürgerlichen Kreisen war es üblich, daß Männer bei Familien vorsprachen, um die Tochter kennenzulernen. Die Anbahnung einer Paarbeziehung war eingebettet in andere soziale Beziehungen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, daß die Form des Rendezvous – auch wenn sie durch Konsum und Kommerz geprägt wurde – von Menschen als Form der Befreiung aus angestammten Strukturen und Traditionen wahrgenommen wird.
Mit Mary Harrington wurde schließlich eine Form des Feminismus betrachtet, die deutlich vom Ansatz de Beauvoirs abweicht. Harrington beschreibt, wie sich der technologische und gesellschaftliche Fortschritt mittlerweile gegen die Frauen gewendet habe. Die Pille habe die Frau für den sexuellen Konsum verfügbar gemacht. Soziale Medien würden Frauen dazu anregen, sich selbst als Produkt zu vermarkten. Daher plädiert Harrington für einen reaktionären Feminismus (reactionary feminism). Es gelte, die Vorstellung von der „großen Liebe“ – die Illouz als „romantische Utopie“ bezeichnete – abzuschaffen. Eine Ehe solle künftig auf der radikalen Solidarität der beiden Ehepartner gegründet sein, was sich im gemeinsamen Aufbau einer wirtschaftlich tragfähigen Existenz zeige. Sex solle wieder „ausgewildert“ werden, indem die Weitergabe des Lebens im Mittelpunkt stehe. Getrennte Räume für beide Geschlechter müßten bewahrt werden, um Frauen und Männern den Raum zur Identitäts- und Persönlichkeitsbildung zu schaffen.
Bei einem Besuch im Kunstgewerbemuseum am zweiten Seminartag konnte anhand der Kleider der Wandel des Frauenbildes in den letzten 300 Jahren nachvollzogen werden. Am Abend rückte der Film What is a Woman? (Daily Wire, 2022) von Matt Walsh die Beobachtung in den Mittelpunkt, daß im Zeitalter der Geschlechterdiversität und -transformation viele, auch heterosexuelle Zeitgenossen sich schwertäten zu definieren, was eine Frau ist.
Gelesen wurden (in Auszügen):
Otto A. Piper: Die Geschlechter. Ihr Sinn und ihr Geheimnis in biblischer Sicht, Hamburg 1954.
Lenore Kühn: Wir Frauen, 2. Aufl., Langensalza 1925.
Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Hamburg (1968) 1974.
Camille Paglia: Die Masken der Sexualität, Berlin 1992.
Eva Illouz: Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus, 8. Aufl., Frankfurt am Main 2022.
Mary Harrington: Feminism Against Progress, Croydon 2023.
Film: Matt Walsh: What is a Woman?, Daily Wire 2022.