Ahasver wird heimisch: Der lange Weg zur Akzeptanz eines eigenen Staates
Artur Abramovych rekonstruiert den Mentalitätswandel des Judentums gegenüber dem Staat Israel

Artur Abramovych bei der Vorstellung seines Buchs
Am 14. Januar 2026 stellte der Berliner Autor Artur Abramovych sein Buch „Ahasvers Heimkehr – Lehren aus der Diaspora“ vor. Der in der Reihe Exil des Buchhauses Loschwitz erschienene Band besteht aus einer Sammlung verschiedener Beiträge, in denen Abramovych herausarbeitet, inwieweit in den letzten gut hundert Jahren ein Mentalitätswandel im Judentum stattgefunden hat.
Ahasver ist das Sinnbild des wurzellosen umhergetriebenen Juden. Laut einer Legende soll er Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung verspottet haben, wofür er jetzt bis ans Ende aller Tage ohne Heimat in der Welt leben muß. Abramovych beobachtet jedoch, daß seit der Gründung des Staates Israels ein grundlegender Mentalitätswandel unter den Juden stattfindet. Die Juden würden eine kosmopolitische Haltung hinter sich lassen und heimisch werden. Als „Muskeljuden“ (Max Nordau), die über geistige und körperliche Kraft verfügten, hätten sie ihr Land aufgebaut und sich eine Heimat geschaffen.
Leben und Denken von Hans-Joachim Schoeps (1909–1980) spielen dabei eine Schlüsselrolle für Abramovych, um das Entstehen dieser neuen Mentalität zu verstehen. Bei der Buchvorstellung las er seinen Beitrag zum 40. Todestag des konservativen deutsch-jüdischen Hochschullehrers vor, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen Lehrstuhl für Religions- und Geistesgeschichte in Erlangen innehatte. Schoeps habe sich zeit seines Lebens sowohl als Jude als auch als Preuße verstanden. Damit sei er wohl eher unwillentlich zu einem der konservativen Gründerväter der Bundesrepublik avanciert.
Schoeps habe in jungen Jahren den Zionismus aus religiösen Gründen abgelehnt. Juden sollten keinen eigenen Staat gründen, ohne daß sie dafür ein Zeichen von Gott erhalten hätten. Doch mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 sei für Schoeps die Sache entschieden gewesen, eine antizionistische Position habe sich damit erledigt. Der heutige Antizionismus von Arabern oder Kommunisten sei vor diesem Hintergrund lediglich „kaum noch getarnter Antisemitismus“. Die Entwicklung in Israel, wo mittlerweile sich selbst der größte Teil der jüdischen Orthodoxie nach anfänglicher Ablehnung zu entschiedenen Unterstützern des Staates gewandelt habe, ähnele dem Sinneswandel von Schoeps. Ein traditionell religiöser Geist präge das gesellschaftliche Klima im Land, kosmopolitische oder linke Positionen würden dort nur noch schwer Mehrheiten finden.
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