Allen wiederkehrenden Vergleichen zum Trotz: Berlin ist nicht Weimar
Der bekannte Historiker Horst Möller sprach über Sinn und Unsinn historischer Vergleiche

Horst Möller bei seinem Vortrag
Bei seinem Vortrag „Wie sinnvoll sind historische Vergleiche? Brüche der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert“ am 6. Mai 2026 sprach der bekannte Münchner Historiker Horst Möller über die Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik und fragte, ob durch sie die gegenwärtigen Krisen besser verstanden werden könnten. Möller, der 19 Jahre an der Spitze des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin stand, machte auf die Merkwürdigkeit aufmerksam, daß Krisen der Bundesrepublik früher oder später in der öffentlichen Debatte mit dem Scheitern der Weimarer Republik verglichen würden. So sei schon in den fünfziger Jahren ein Buch erschienen mit dem Titel „Bonn ist nicht Weimar“. Doch gebe es erhebliche Unterschiede.
Die Niederlage im Ersten Weltkrieg habe weit größere gesellschaftliche Veränderungen ausgelöst als die Niederlage im Zweiten Weltkrieg und stellte somit einen tiefen historischen Bruch dar, auch wenn im Zweiten Weltkrieg weit mehr Opfer unter den Deutschen und größere Gebietsverluste zu beklagen gewesen waren. Hinzugekommen sei eine tiefgreifende Modernisierungskrise in der Zwischenkriegszeit. Traditionelle Handwerksbetriebe und kleine Geschäfte wurden wegen geringer wirtschaftlicher Effizienz von großen Unternehmen verdrängt. Die Entstehung einer neuen Schicht aus Angestellten sorgte nicht nur für eine soziale Veränderung, sondern auch für eine kulturelle, da die Angestellten aus den traditionellen gesellschaftlichen Rollenbildern wie Adel, Handwerker, Arbeiter oder Kaufleute herausfielen. Auch Verschuldung sei ein Krisentreiber, warnte Möller. Zeit ihrer Existenz habe die Weimarer Republik mit Verschuldung zu kämpfen gehabt. Der wirtschaftliche Aufschwung in den 1920er Jahren sei durch Kredite aus den USA ermöglicht wurden. Als ab der Weltwirtschaftskrise 1929 die Amerikaner ihre Kredite wieder abzogen, stürzte das Deutschland tiefer in die Krise.
Der Untergang Weimars war nicht zwangsläufig
Der Untergang der Weimarer Republik sei nicht zwangsläufig gewesen, so Möller. Zugleich wies er die landläufige Vorstellung zurück, die Weimarer Republik sei eine Demokratie ohne Demokraten gewesen. Für ihre Verhältnisse hätte die Republik vieles erreicht, was sich in der Beendigung des Krieges und in einer Stabilisierung der Verhältnisse Mitte der 20er Jahre ausgedrückt habe. In einem friedlichen Umfeld und unter stabilen wirtschaftlichen Bedingungen wäre auch die Verfassung dauerhaft funktionsfähig gewesen. Doch der frühzeitige Tod Friedrich Eberts 1925 und Gustav Stresemanns 1929 habe zwei demokratische Politiker von der Bühne abberufen, die den Problemen gewachsen waren.
Darüber hinaus sei Obstruktionspolitik nicht nur von den Nationalsozialisten, sondern auch von den Kommunisten betrieben wurden. Indem die Kommunisten zum Beispiel bei der Wahl zum Reichspräsidenten 1925 einen Zählkandidaten ins Rennen schickten, hätten sie die Wahl eines demokratischen Politikers verhindert, was die Wahl des Monarchisten Hindenburg ermöglicht habe. Ein besonderes Merkmal von Nationalsozialisten und Kommunisten sei ihre junge Mitgliedschaft gewesen. Möller machte darauf aufmerksam, daß junge Menschen eher radikale Parteien unterstützen würden als ältere.
1930 sei die letzte Reichsregierung mit einer demokratischen Mehrheit im Parlament an der Reform der Arbeitslosenversicherung gescheitert. Linke Abgeordnete in der SPD-Reichstagsfraktion wollten den von SPD-Reichskanzler Heinrich Müller mit der liberalen DVP ausgehandelten Kompromiß nicht mittragen. Unnötig sei auch die vorgezogene Reichstagswahl 1930 gewesen: Durch sie verloren die demokratischen Parteien ihre absolute Mehrheit im Parlament und die Nationalsozialisten konnten deutlich zulegen. Es sei also keine gute Idee, mitten in einer Krise ein Parlament mit stabilen Mehrheitsverhältnissen aufzulösen, so Möller. Doch nicht nur in Deutschland scheiterte in dieser Zeit die republikanische Regierungsform, auch in mehreren anderen europäischen Ländern sei die Demokratie durch autoritäre Herrschaftsformen ersetzt worden.
Dies alles zeige, daß historische Ereignisse und Entwicklungen sowohl von gesellschaftlichen Umständen als auch von Persönlichkeiten bestimmt werden. Mit Blick auf die Gegenwart erklärte Möller abschließend: Wenn es an den fähigen Persönlichkeiten fehle, falle die Lösung der politischen Probleme schwer und Krisen würden sich verschärfen.
Professor Dr. phil. Horst Möller, geboren 1943 in Breslau, war zuletzt Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität München. Möller gilt als einer der führenden deutschen Historiker. An der Gründung des von Helmut Kohl initiierten Hauses der Geschichte in Bonn hat er mitgewirkt. Er hat mehrere Werke zur deutschen Geschichte verfaßt, darunter Die Weimarer Republik – Demokratie in der Krise.
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