Das Herumirren im Dschungel des Faschismus

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Tarmo Kunnas sprach über die faschistische Versuchung der europäischen Intelligenz 1919-1945

Tarmo Kunnas in der BdK

Am 25. Oktober 2017 stellte Tarmo Kunnas sein neues Buch „Faszination eines Trugbildes – Die europäische Intelligenz und die faschistische Versuchung 1919-1945“ vor etwa 60 Zuhörern in der Bibliothek des Konservatismus vor. Der renommierte finnische Literaturwissenschaftler hat die individuellen Positionen von 80 europäischen Intellektuellen in ihrer Stellung zum Faschismus untersucht und versucht zu erklären, warum der Faschismus in der Zwischenkriegszeit eine so große Anziehungskraft ausüben konnte.

Unter den dargestellten Deutschen finden sich neben Martin Heidegger, Gottfried Benn, Ernst Jünger, Carl Schmitt und Ernst von Salomon auch Schriftsteller wie Hans Grimm und Erwin Guido Kolbenheyer. Bei den Franzosen sind unter anderem Louis-Ferdinand Céline, Pierre Drieu La Rochelle und Robert Brasillach vertreten. Weitere thematisierte Intellektuelle sind Ezra Pound, Gabriele D’Annunzio, William Butler Yeats, Knut Hamsun, Sven Hedin, Mircea Eliade, E. M. Cioran und der sogenannte „literarische Hof“ um José-Antonio Primo de Rivera.

Kunnas legte gleich zu Beginn Wert auf die Feststellung, daß die behandelten Intellektuellen sehr verschiedene Strömungen, Hintergründe und politische Tendenzen repräsentierten, die sich durch eine große Heterogenität und auch widersprüchliche Ideen auszeichneten. Es sei daher schwer, alle von ihm behandelten Intellektuellen eindeutig als Faschisten zu bestimmen, denn in ihren Weltanschauungen gebe es immer Elemente, die dem Stereotyp des faschistischen Weltbildes nicht entsprechen würden. Zu Faschisten mache sie das Auftreten gewisser Schlüsselideen. So sei allen gemein gewesen, daß sie den Faschismus als den letzten großen Versuch ansahen, die europäische Zivilisation vor dem Verfall zu retten. Aus Kunnas Sicht sah sich der Faschismus in der Rolle, die angeblich vom Tode bedrohte europäische Kultur zu erlösen. Doch indem er zu den gesellschaftlichen und technologischen Mitteln und Idealen des 20. Jahrhunderts griff, war der Faschismus von Beginn an mit dem infiziert, gegen das er zu kämpfen vorgab. Seine intellektuellen Sympathisanten hatten einen weit gefaßten Politikbegriff, in dem sich sowohl die Unzufriedenheit mit dem liberalen Politikkonzept ihrer Zeit als auch die Sehnsucht nach „etwas Besserem“ widerspiegelten. Viele Intellektuelle pflegten ihren künstlerisch überhöhten Privat-Faschismus, der oftmals nichts mit der wirklichen Politik oder den Parteilinien zu tun hatte. Dieses Herumirren im Dschungel des Faschismus stelle ihren weit gefaßten Politikbegriffen in ein zweifelhaftes Licht, so Kunnas.

Der Faschismus sei als Ideologie und politische Konstruktion ein von bestimmten Personen abhängiger, effektiv agierender Torso und kein fertiges politisches oder ideologisches Kunstwerk gewesen, so der finnische Gelehrte. Sein provisorischer Charakter mit heterogenen Positionen und sein vorgeblicher Kampf zur Rettung der europäischen Kultur vor Ökonomismus, Liberalismus und Bolschewismus, mithin seine so wahrgenommene Positionierung gegen die Moderne, hätten die Anziehungskraft des Faschismus ausgemacht. Kunnas zeichnete das Bild eines großen Schlosses mit verschiedenen Ebenen, Gehöften, Gebäuden und Räumen, in deren verschiedenen Bereichen sich die verschiedenen Intellektuellen, je nach ihrer Neigung, wohl aufgehalten hätten. Ihre Verschiedenheit sei einerseits groß gewesen, aber alle hätten zumindest im Schloß des Faschismus oder anhängigen Gebäuden gehaust, um, jeder auf seine Weise und mit mehr oder weniger Engagement, durch den Faschismus das alte Europa zu retten. Dieser Irrtum und die Geschichte der faschistischen Ideologien und Bewegungen habe jedoch, so Kunnas abschließend, letztlich mit dem Todesröcheln des alten Europas 1945 geendet.

 

2017-11-03T12:12:49+00:00