Der geschwächte Wille zur Selbstbehauptung
Ferdinand Knauß rekonstruiert die Selbstaufgabe des Westens seit 1968

Ferdinand Knauß bei seiner Buchvorstellung
Am 8. April 2026 präsentierte der Journalist und Historiker Ferdinand Knauß in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin sein neues Buch „Der gelähmte Westen – Chronik einer Selbstaufgabe“. Knauß, Jahrgang 1973 und Redakteur der Zeitschrift Cicero, legte damit eine intellektuelle Diagnose des westlichen Selbstverlustes vor.
Knauß faßt seinen Begriff des „Westens“ geistesgeschichtlich: als Erbe von Aufklärung, Rechtsstaat, individueller Freiheit sowie der Tradition einer auf Tugend und Marktwirtschaft gestützten Zivilgesellschaft. Inspiriert von Joachim Fests Essay „Die schwierige Freiheit“ betonte Knauß, daß Freiheit kein selbstverständlicher Naturzustand sei, sondern stets erkämpft, verteidigt und von den Bürgern als eigene Aufgabe begriffen werden müsse.
Ein zentrales Argument des Buches gilt dem Wandel des demokratischen Selbstverständnisses. Knauß diagnostiziert, daß Rousseaus Begriff der Volonté Générale heute unter der Hand durch das Konzept demokratischer Werte ersetzt worden sei. Was einst ein pluralistisches Regelwerk zur Ermöglichung von Kompromissen war, werde nun zur moralischen Blaupause umgedeutet: Liberale Demokratie solle nicht mehr das friedliche Nebeneinander unterschiedlicher Überzeugungen organisieren, sondern universelle sittliche Ziele durchsetzen. Die Pflicht zur Weltverbesserung werde zur Bürgerpflicht erklärt; Selbstentäußerung zugunsten abstrakter globaler Werte gerate zur moralischen Norm.
Knauß entwickelte seine historische Analyse entlang eines Generationenmodells. Die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik sei zunächst von dem geprägt gewesen, was Helmut Schelsky als „skeptische Generation“ beschrieb: Menschen, die nach Krieg und Trümmern vor allem ein funktionierendes Land aufbauen wollten – pragmatisch, nüchtern, auf das Machbare konzentriert. Diese Generation habe die ökonomische und institutionelle Grundlage der alten Bundesrepublik errichtet.
1968 stellte für Knauß einen zweiten Gründungsakt der Bundesrepublik dar – allerdings einen, der sich gegen die eigene Geschichte und ihren Westen richtete. Diese Generation habe nicht nur Schuld aufgearbeitet, sondern aktiv Sympathie für totalitäre linke Regime kultiviert und eine grundsätzliche Ablehnung der USA als Leitmacht des Westens betrieben. Als prominenten intellektuellen Ausdruck dieser Umdeutung nannte Knauß Jürgen Habermas, der für sich in Anspruch genommen habe, den Westen zu repräsentieren – obwohl sein Denken letztlich auf eine Auflösung der konkreten kulturellen Substanz des Westens in abstrakte prozedurale Vernunft hinauslaufe.
Die 1990er Jahre hätten für eine Phase der historischen Sorglosigkeit gestanden. Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte schien bestätigt: Die liberale Demokratie hatte im Kalten Krieg gesiegt, die Zukunft gehörte ihr. Die Love Parade wurde zum kulturellen Symbol einer Epoche, die glaubte, die großen Fragen der Geschichte seien gelöst.
Den Wendepunkt markierte der 11. September 2001. Mit ihm habe eine Reihe von Kippunkten begonnen, die die westliche Selbstgewißheit erschütterten: die Kriege in Afghanistan und im Irak, die trotz enormer militärischer und finanzieller Aufwendungen scheiterten, die Corona-Pandemie, die die Fragilität liberaler Institutionen offenbarte, und weitere strukturelle Erschütterungen. Der gelähmte Westen, so Knauß, zeige sich darin, daß er außen- und sicherheitspolitisch erfolglos, finanziell überlastet und dennoch an der Entwicklungshilfe als moralisch unumstößlicher Pflicht festhalte.
In einem der zentralen Kapitel seines Buches – dem notwendigen Konservatismus – argumentiert Knauß, daß ohne ein lebendiges konservatives Gegengewicht die freiheitliche Substanz des Westens nicht zu erhalten sei. Liberalismus und Konservatismus seien im 21. Jahrhundert aufeinander angewiesen. Knauß verwies auf die Kölner Leitssätze der CDU von 1945 als Beleg dafür, daß der christlich-demokratische Konservatismus der Nachkriegszeit noch ein klares Verständnis der kulturellen Grundlagen besessen habe, auf denen ein freies Gemeinwesen aufruhe.
Im Schlußkapitel, das Knauß in Auszügen vorstellte, zieht er die Konsequenzen seiner historischen Analyse: Der Westen leidet nicht an äußeren Feinden allein, sondern an einer inneren Selbstaufgabe, die von denen betrieben wurde und wird, die lautstark seinen Verteidigungsanspruch erheben. Die Lähmung ist keine Schwäche der Institutionen, sondern des Willens – des Willens, das eigene Erbe als wertvoll zu begreifen und zu verteidigen.
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