Der Mensch soll die Technik bändigen, sich aber nicht von ihr determinieren lassen

//Der Mensch soll die Technik bändigen, sich aber nicht von ihr determinieren lassen

Rainer Waßner über die Technik-Kritik von Friedrich Georg Jünger

Rainer Waßner

Am 5. Oktober 2018 sprach Rainer Waßner zum Thema „Friedrich Georg Jünger – Die vergessene Technik-Kritik“. Dabei bezog er sich vor allem auf Jüngers Buch „Die Perfektion der Technik“, welches die „radikalste, grundsätzlichste, kompromißloseste“ Technik-Kritik neuerer Zeit enthalte und damit auch die herausfordernste sei. Der Soziologe stellte zunächst Friedrich Georg Jünger vor, der bis zum Erscheinen jenes Buches gleichsam ein „Niemand“ gewesen sei und im Schatten seines Bruders Ernst Jünger gestanden habe. Erst nach der „Perfektion der Technik“ legte er eine stattliche Anzahl von Gedichten, Erzählungen, Essays und Übersetzungen vor und erhielt sogar ein halbes Dutzend Literaturpreise. Friedrich Georg Jüngers Kritik der Technik sei keine wissenschaftliche, denn er greife die Wissenschaft vielmehr wegen ihres einseitig kausalen Denkens heftig an, weil dieses zur „Darstellung von Zusammenhängen, wie sie uns hier beschäftigen, nicht ausreicht“.

Waßner ordnete Jüngers Technik-Kritik in fünf Themenkomplexe. Die Beseitigung aller nicht-technischen Illusionen, die sich an die Technik anhängen, die ökologischen Kosten der Technisierung, die sozialen Folgen von Automatisierung und Mechanisierung, die unaufhaltsame Bewegung der modernen Technik hin zu ihrer Vervollkommnung und das Bündnis von Technik, Wissenschaft und Zeitmessung. Für Jünger sei klar, daß man von der Technik die Lösung aller jener Fragen erwarten dürfe, die sich technisch bewältigen und beantworten lassen. Man dürfe jedoch nichts von ihr „erhoffen, was außerhalb des technisch Möglichen liegt.“  Das heißt konkret, so Waßner, daß die Technik die permanente Rationalisierung aller Arbeitsverfahren vorantreibe. Technik sei die selbsttätige, gleichförmige, ununterbrochene und sich beschleunigende Wiederholung von Arbeitsgängen. Laut Jünger erhalte unsere heutige Technik erst „durch diesen Automatismus“ ihre Eigentümlichkeit, die sie von der Technik aller anderen Zeiten unterscheide.

Die Technisierung werde ins Werk gesetzt von einer neuen sozialen Gestalt, die der Autor „das technische Kollektiv“ nennt. Es ersinne die Apparaturen und realisiere sie. Das technische Kollektiv sei eine stets wachsende Kaste, die Verfügungen über Maschinen und Arbeiter treffen darf, dabei keinen blassen Schimmer von der destruktiven, nicht-technischen Seite der Technik habe. Der technische Fortschritt ist … verbunden mit einer Vermehrung der Organisation, mit einem stets wachsenden Bürokratismus, der ein ungeheures Personal erfordert, ein Personal, das nichts hervorbringt, nichts erzeugt, und das an Kopfzahl um so mehr wächst, je weniger an Erzeugtem und Hervorgebrachten vorhanden ist, … Funktionäre, Beamte und Angestellte.“ Jünger wendet sich gegen diese Entwicklung, indem er Individualität wieder ins Zentrum einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise rücken möchte. Diese ersetze aber nicht den mechanischen Erklärungsansatz. Denn das monokausale, mechanische Denken entdecke ja durchaus Gesetzmäßigkeiten in der Natur, nämlich die dort auch vorhandenen mechanischen Abläufe. Zur Fehlentwicklung kommt es erst, so Jünger, wenn wir diesen Teil für das Ganze halten, in unsere naturwissenschaftlich-exakten Modelle übertragen und damit eine verheerende Umgangsweise mit der Natur in die Wege leiten. Auf die Einbettung, die „Bändigung“ komme es Jünger an: „In der Monadologie von Leibniz erscheint das Gesetz der mechanisch arbeitenden Kausalität noch gebändigt, weil es Instanzen unterworfen wird, die nicht von ihm determiniert sind.“

Jüngers Technik-Kritik ziele somit nicht auf Details der Technik ab oder wolle die technische Entwicklung zurückdrehen oder gar aufhalten. Es gehe ihm um die eine grundsätzliche Kritik daran, wie der Mensch sich das technische Denken zum alleinigen Ansatz mache. Nicht sich der falschen Kausalität unterwerfen und damit Natur und Menschen durch Technik determinieren, sondern Technik als einen Teil des Ganzen begreifen und so Mensch, Natur und Technik nicht gegeneinander, sondern als gemeinsames Ganzes verstehen. Keine homogene Nivellierung des Universums durch Technokratie, sondern eine nicht-technische Anschauung, die soziale Lebenswelten bewahrt und Technik durch menschliche und natürliche Instanzen bändigt.

 

 

2018-10-11T10:14:55+00:00