Till Kinzel über Johann Georg Hamann (1730–1788)

Till Kinzel

Am 26. Februar 2020 stellte Till Kinzel sein neues Buch „Johann Georg Hamann – Zu Leben und Werk“ vor. Der Literaturwissenschaftler wies zunächst auf die Rätselhaftigkeit und Mehrdeutigkeit Hamanns hin, die ihm eine einzigartige Faszination verschaffe. In seinen Schriften habe er als einer der ersten auf die der Aufklärung innewohnenden Ambivalenzen hingewiesen. Nicht Systemphilosophie, sondern konkretes Denken, das um die „Unvollständigkeit unserer Selbsterkenntnis“ wisse, sei Hamanns Ansatz gewesen.

Kinzel begann mit einer Annäherung an Johann Georg Hamann, die auf die Schwierigkeiten der Lektüre und des Verstehens seiner Schriften hinwies. Seine besondere Rhetorik und sein Schreibstil hätten viel dazu beigetragen, ihn als dunklen und verrätselten Autor zu sehen, sich aber gleichzeitig von ihm faszinieren zu lassen. Deshalb sei er zu Lebzeiten auch mit Heraklit verglichen worden, der einen ähnlichen Stil pflegte. Matthias Claudius habe ihn gar als den „preußischen Heraklit“ bezeichnet. Auch Herder und Hegel sowie später Ernst Jünger und Botho Strauß hätten sich diesem Zauber nicht entziehen können. Strauß schrieb sogar, daß es ohne Hamann kein Deutsch gebe. Diese klare Übertreibung habe jedoch einen wahren Kern, so Kinzel, welcher in Hamanns Sprachphilosophie oder besser Sprachtheologie ihren Grund habe. Man könne Sprache nicht rationalisieren oder gar reinigen, da sie von historischen Gegebenheiten, Gewohnheiten und vor allem von Bildern lebe. In Bildern bestehe der ganze Schatz menschlicher Erkenntnis, so Hamann in seiner Schrift Aesthetica in nuce (Ästhetik in der Nußschale). Für den Denker aus Königsberg war Vernunft gleich Sprache. Dieses Prinzip sei deshalb so wichtig, weil es Sprache als solche nicht gebe, der Mensch spreche nicht „Sprache“, sondern Deutsch, Französisch oder irgendeinen Dialekt. Die faktische Vielfalt der Sprachen führe dazu, daß man eine sehr weitreichende Veränderung des Vernunftbegriffes ansetzen müsse. Denn, so Kinzel, wenn es notwendigerweise viele Sprachen gebe und Vernunft Sprache sei, gebe es folgerichtig Vernunft nur im Plural der Sprachen. Das Vorhandensein vieler Sprache hebe a priori schon das Konzept einer reinen Vernunft auf.

Für Kinzel zeigt sich in allen Bereichen, aber vor allem beim Thema Sprache, daß Hamann auf zahlreichen Gebieten gegen komplett rationalistische Konstruktionen angegangen sei. Sein Denken richte sich gegen jene, die glauben, man könne die Wirklichkeit am Reißbrett entwerfen, ganz gleich, ob Sprache, Glaube, Kunst oder Gesellschaftsordnung. Hamann sei im Grunde ein Apologet der Vielfalt. Sich mit einem solchen Denker auseinanderzusetzen, könne gerade im heutigen Deutschland nicht schaden, so Kinzel abschließend. Vielmehr schule die Lektüre Hamanns das eigene Denken angesichts vermeintlicher Alternativlosigkeit.

Das Video des Vortrags sehen Sie demnächst hier auf unserer Seite.