Thomas Bargatzky über die Bedeutung mythischen Denkens für den Konservatismus

Thomas Bargatzky

Welchen Beitrag kann das mythische Denken zu einer Theorie des Konservatismus leisten? Dieser Frage ging am 30. Oktober 2019 der emeritierte Bayreuther Ethnologe Thomas Bargatzky im Rahmen der BdK-Themenreihe „Konservativ heute“ nach. Während sich der moderne Konservatismus an den Folgen von Aufklärung und Französischer Revolution abarbeite, setze der aus dem mythischen Denken hervorgehende „ursprüngliche Konservatismus“ bereits in voragrarischer Zeit, also vor ca. 40.000 Jahren, ein.

Der Mensch vormoderner Epochen sei, so Bargatzky, konservativ gewesen, weil es keine Alternative zur Leitidee der Bewahrung des Gemeinwesens gab. Jener Konservatismus, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit dem modernen Staat in Europa entstand, sei hingegen nicht alternativlos, sondern müsse sich mit dem Liberalismus, der Fortschrittsideologie und den revolutionären politischen Programmen im säkularen Staat auseinandersetzen.

Den ursprünglichen Konservatismus kennzeichne eine gegenseitige Durchdringung von mythischer Weltdeutung und „konzentrischer Ordnung“. Unter „konzentrischer Ordnung“ versteht Bargatzky ein Handeln, das auf Gegenseitigkeit, Konsens und Harmonie gerichtet ist. Loyalität gegenüber den Älteren und Höhergestellten seien selbstverständlich, dafür würden umgekehrt Fürsorge und Schutz erwartet. Der Grad an geschuldeter Loyalität nehme ab, je größer und inklusiver die soziale Einheit sei.

Als „mythische Weltdeutung“ bezeichnet Bargatzky eine Weltsicht, die die neuzeitliche, auf René Descartes zurückgehende Trennung der Welt in res cogitans und res extensa, Geist und Materie, Geschichte und Natur noch nicht vollzogen hat. Für den mythisch denkenden Menschen bestehe zwischen Geist und Materie ein Kontinuum. Die Mythen handelten von der fortdauernden Wirksamkeit bestimmter göttlicher Gründungstaten in Natur und Menschenwelt. Bargatzky nennt sie unter Rückgriff auf den Philosophen Kurt Hübner (1921–2013) Archái (Sg. Arché; griechisch für Ursprung). Demnach ist eine Arché eine Ursprungsgeschichte, eine bestimmte Handlung, die sich seither identisch wiederholt. Die Gottheiten sind dabei in ihren Urstiftungstaten gegenwärtig: In der Natur ist die Göttin Eos die Morgenröte, im sakralen König ist der erste Namensträger gegenwärtig, in der Arbeit der göttliche Stifter des Handwerks. Die Archái werden in Traditionen und Ritualen, aber auch in Verrichtungen des Alltags, gegenwärtig gesetzt und zur Darstellung gebracht, beispielsweise in Namensgebungen, Jagden, Ernten, Hauseinweihungen, Hochzeiten, kriegerischen Handlungen, Bestattungsfeiern usw.

Im Verlauf der Herausbildung der modernen Gesellschaft hätten sich in den westlichen Ländern das Denken und das Beziehungsgefüge der Menschen grundlegend, hin zu einer immer stärkeren Individualisierung, verändert. Der einzelne schulde vor allem der Allgemeinheit, dem Staat, Loyalität. Die Ethik der „konzentrischen Ordnung“ sei in einem radikalen sozialen und kulturellen Bruch im Namen des Fortschritts verdrängt und das ethische Prinzip des „Primats des Allgemeinen“ zur Leitidee erhoben worden.

Die Leerstelle zwischen dem Allgemeinen und dem einzelnen könnte die „konzentrische Ordnung“ eines mythisch verstandenen „ursprünglichen Konservatismus“ ausfüllen. Überschaubare Gemeinschaften gelebter Loyalität und Verbindlichkeit, die sich in Traditionen und Ritualen immer wieder neu ihrer Ursprünge vergewisserten, bedeuteten zugleich eine fundamentale Abkehr von einer Moderne, die von Individualismus und Universalismus geprägt sei. Träger eines „ursprünglichen Konservatismus“ könne, so Bargatzky abschließend, in Europa vor allem das Christentum sein, dessen Rituale, Bilder und Feste sich häufig selbst mythischen Vorstellungen verdankten.