Die politische Linke ist geistig obdachlos geworden
Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz erwartet eine neue skeptische Generation

Norbert Bolz spricht über sein Buch
Am 25. Februar 2026 stellte der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz sein Buch Zurück zur Normalität – Mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand vor. Er beschreibt, wie ein Zangenangriff auf das normale bürgerliche Leben der Menschen stattfinde. Aus dem universitären Bereich werde im Namen der „Wokeness“ Pathologisches mit Normalität gleichgesetzt. Soziale Auffälligkeiten oder psychische Störungen, die früher nicht als normal galten, sollen jetzt gesellschaftlich akzeptiert werden. So würden die Verhältnisse des menschlichen Zusammenlebens auf den Kopf gestellt. Der zweite Angriff auf die Normalität werde von der politisch-medialen Elite gefahren, indem sie durch beständigen Alarmismus versuche, die Menschen in Angst zu versetzen, um Anliegen wie die Klimapolitik oder die Migrationspolitik durchzusetzen.
Den tieferen Grund für diesen „kulturellen Bürgerkrieg“ sieht Bolz darin, daß die politische Linke seit dem Zusammenbruch der marxistischen Denkschule keine wirkmächtigen theoretischen Entwürfe mehr zu bieten habe. Sie sei theoretisch erschöpft. „Geschichte und Klassenbewußtsein“ von Georg Lukács, erschienen 1923, sei das letzte relevante theoretische Werk der marxistischen Linken gewesen, seitdem werde Politik aus dem Ressentiment betrieben mit dem Ziel, Macht in machiavellistischer Art zu verteilen. Bolz kommt daher zu dem Schluß: „Wokeness ist das letzte Asyl der geistig obdachlosen Linken.“
Selber kenne er die linke Theorie aus der Innenansicht unter anderem durch seine Tätigkeit als Assistent bei dem Religionsphilosophen Jacob Taubes an der Freien Universität Berlin. Jahre seines Lebens habe er damals der kritischen Theorie geopfert. Doch die kritische Theorie sei verkleidete Theologie, die Glauben und Gehorsam einfordere. Er empfehle daher, andere Theorien zu studieren.
Was aktuell innerhalb der Linken noch wirksam sei, gehe auf den Einfluß französischer Theoretiker zurück, die allesamt bei dem Hegelianer Alexandre Kojève (1902–1968) in Paris gelernt hätten. Einer von ihnen sei Jacques Derrida (1930–2004) gewesen, der in den USA riesigen Erfolg gehabt habe. In seiner späteren Schaffensphase habe Derrida sich fast nur noch auf Heidegger gestützt.
Zwei Hebel für eine Veränderung sieht Bolz in der gegenwärtigen Lage. Der eine seien die 551 Fragen der CDU an die Bundesregierung zur Finanzierung sogenannter Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Wenn transparent gemacht würde, welche NGOs von der Regierung unterstützt werden, entstehe der nötige politische Druck, um die Finanzierung zu beenden. Der andere Hebel seien die Rundfunkgebühren. Diese sollten gestrichen werden. Nur wer das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender tatsächlich nutze, solle dafür zahlen. Doch auch im Hinblick auf die Universitäten gibt sich Bolz pessimistisch. Hier würden wohl nur konsequente Geldkürzungen den Spuk beenden.
Gleichwohl sei er durchaus zuversichtlich, wenn er auf die jungen Leute schaue. Eines der ersten positiven Signale für ihn sei gewesen, als er im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität festgestellt habe, daß die Jugendlichen kein Fernsehen mehr schauten, sondern sich über andere Wege im Internet informierten. Er erwarte, daß aus diesen Jugendlichen eine neue „skeptische Generation“ heranwachse, die ideologischen Entwürfen kritisch gegenüberstehe und pragmatisch denke und handle.
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