Konservatives Bewußtsein für die Existenz höherer Werte

Startseite | Veranstaltungsberichte | Konservatives Bewußtsein für die Existenz höherer Werte

Günter Scholdt sprach über konservative Verhaltensmuster in der Literatur

Günter Scholdt in der BdK

Am 24. Januar 2018 stellte der Saarbrücker Literaturwissenschaftler Günter Scholdt sein neuestes Buch „Literarische Musterung: Warum wir Kohlhaas, Don Quijote und andere Klassiker neu lesen müssen“ in der BdK vor. Der Buchtitel deutet bereits an, daß sich Scholdt thematisch auf typisch konservativem Terrain bewegt, geht es ihm doch um die (neue) Aneignung und Bewahrung der klassischen abendländischen Literatur. In seinem Vortrag versuchte er anhand ausgesuchter literarischer Beispiele eine Charakterologie des Konservativen zu entwerfen, wobei ihm der Protagonist aus Max Frisch „Biedermann und die Brandstifter“ zunächst als Negativdefinition diente. Der Konservative sei weder ein Dampfplauderer noch ein Duckmäuser, der sich zwar konservativ aufführe, im Ernstfall aber doch zu feige wäre, zu seinen Idealen zu stehen.

Als zunächst vielleicht überraschendes Gegenbild dazu führte Scholdt Miguel de Cervantes berühmten Helden „Don Quijote“ an. Denn trotz aller Phantasmagorien komme bei ihm doch eine besonders konservative Tugend zum Vorschein: die Standhaftigkeit angesichts widriger Umstände. Obwohl Don Quijote von seiner Mitwelt verlacht und als Spinner abgetan werde, stehe er zu seinen Idealen eines anachronistischen Rittertums und ließe sich dabei nicht von seinem Weg abbringen. Das konservative Bewußtsein für die Existenz höherer Ideale führte den Referenten schließlich zu Sophokles weltbekannter Tragödie „Antigone“. Antigone mißachte das königliche Verbot in der festen Überzeugung, daß es eben höhere Werte gäbe – hier die Liebe zur Familie –, deren Verletzung auch von keiner Staatsgewalt legitimerweise gefordert werden dürfe. Doch darüber hinaus sei sie auch bereit, für ihr engagiertes Eintreten die notwendigen Konsequenzen zu tragen.

Zur Veranschaulichung eines anderen konservativen Ideals, das eng mit der Familienliebe zusammenhängt, rief Scholdt den Zuhörern Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ ins Gedächtnis. Der alte Ribbeck, der eine Birne mit in sein Grab nahm, auf daß sich auch zukünftige Kinder an den Früchten eines Birnbaums erfreuen können, verkörpere das von Konservativen stets geforderte generationenübergreifende Denken, das nicht allein im Hier und Jetzt verweilt. Abschließend nahm der Referent noch Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ als Anlaß, um darauf hinzuweisen, daß sich konservative Charaktere selbstredend auch in linken Literaturklassikern finden ließen. Er appellierte von daher an die Konservativen, sich auch mit dezidiert linken Texten auseinanderzusetzen und das Brauchbare aus ihnen herauszufiltern.

 

Einen Videomitschnitt des Vortrags sehen Sie demnächst hier.

2018-02-02T09:08:04+00:00