Afghanistan braucht Souveränität und Föderalismus

//Afghanistan braucht Souveränität und Föderalismus

Albrecht Jebens über 100 Jahre deutsch-afghanische Freundschaft

Albrecht Jebens

Am 22. August 2018 sprach der Historiker Albrecht Jebens zum Thema „Die Freiheit am Hindukusch verteidigen? 100 Jahre deutsch-afghanische Freundschaft“ in der Bibliothek des Konservatismus. Durch Studienaufenthalte und seine Promotion über Afghanistan ein echter Kenner des Landes, erläuterte der Referent zunächst die Geschichte des deutsch-afghanischen Verhältnisses, um dann die aktuelle Situation und mögliche Lösungsansätze für das immer noch zerrissene Land zu skizzieren.

1915 wurde eine kleine Expedition nach Kabul entsandt, um die Afghanen zum Angriff auf Britisch-Indien zu bewegen. Nach einer strapaziösen Reise gelangte die von Hentig/Niedermayer-Mission durch die iranische Wüste, verfolgt von der britischen Armee, nach Afghanistan und begründete so die deutsch-afghanischen Beziehungen. Auch wenn der militärische Zweck der Mission scheiterte, gelang es dennoch die Beziehungen der beiden Länder auf eine ertragreiche Basis zu stellen. Laut britischen Akten wird die Mission der Deutschen als Ausgangspunkt der afghanischen Unabhängigkeit von 1919 bewertet, ebenso von den Afghanen selbst. Dies zeigte sich im ersten Besuch eines ausländischen Staatsoberhauptes in der Weimarer Republik, dem afghanischen König Amanullah, der 1928 mit höchsten Ehren von Reichspräsident Hindenburg empfangen wurde. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan bestanden vom Kaiserreich, über die Weimarer Republik, das Dritte Reich, BRD und DDR bis heute. Der Bau von Schulen, Kraftwerken, Entwicklungshilfe, Armee- und Polizeiausbildung machten die Deutschen zu geschätzten Freunden Afghanistans. Der Einsatz der Bundeswehr nach dem 11. September 2001 im Rahmen der ISAF habe jedoch wenig erbracht.

Laut Albrecht Jebens wurde zwar die Befreiung von den Taliban durch die von den Amerikanern geführte Militärallianz zunächst begrüßt, doch schnell stellte sich die für Afghanistan typische nationale Unabhängigkeitsbestrebung ein, gegen die als neue Besatzer empfundenen westlichen Soldaten. Von 1839 bis 1919 mußte bereits Großbritannien in vier Kriegen vier Niederlagen gegen die Afghanen einstecken, ebenso die Sowjetunion, die nach ihrem Einmarsch 1979 nach großen Verlusten 1989 wieder abziehen mußte. Der Versuch der USA, einen Zentralstaat zu etablieren und den offensiven Kampf gegen die Taliban zu führen, mußte daher, so Jebens, ebenso scheitern. Die friedlichste Zeit erlebte das Land unter seinem legendären König Mohammed Zahir Schah von 1933 bis zum kommunistischen Putsch 1978. Als konstitutionelle Monarchie mit großer Autonomie für die ethnisch geprägten Provinzen konnte Afghanistan als souveräne, blockfreie Nation, die föderal organisiert war, funktionieren. Eine so ethnisch homogene Bevölkerung (43 Prozent Paschtunen, 27 Prozent Tadschiken 30 Prozent Andere), könne nicht wie ein europäischer Zentralstaat regiert werden.

Für den Afghanistan-Experten kann eine Befriedung Afghanistans und damit auch der ganzen Region nur durch den Abzug aller internationaler Truppen und eine eigenständige nationale Lösung durch die Afghanen unter Einbeziehung aller politischen Kräfte (inklusive Taliban und Mudschaheddin) gelingen. Ziel müsse es sein, die Afghanen dabei zu unterstützen, wieder eine föderale Staatsorganisation mit starken Provinzen und einer eher schwachen Zentralregierung (ähnlich der Schweiz) einzurichten. Dies würde, so Jebens abschließend, auch zu einer Rückkehr der vielen afghanischen Flüchtlinge aus aller Welt führen. Das könne Deutschland erneut die Möglichkeit geben, durch sinnvolle, auf Wirtschaft und Bildung ausgerichtete Hilfen die deutsch-afghanische Freundschaft wieder zu stärken und so einen internationalen Krisenherd zu befrieden und zu stabilisieren, gar mit Vorbildfunktion für andere Staaten aus der Region.

 

2018-10-05T15:04:11+00:00