Ohne bürgerschaftlichen Einsatz für die Bildung überläßt man den Ideologen das Feld

Startseite | Veranstaltungsberichte | Ohne bürgerschaftlichen Einsatz für die Bildung überläßt man den Ideologen das Feld

Josef Kraus erklärte, wie die Bildungsnation Deutschland an die Wand gefahren wurde

Josef Kraus in der BdK

Am 8. November 2017 stellte der Bestsellerautor Josef Kraus sein neues Buch „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ vor über 120 Zuhörern in der Bibliothek des Konservatismus vor. Der frühere Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands erklärte, daß die Zerstörung unseres Bildungswesens wesentlich mit der deutschen Bildungspolitik und den Bildungswissenschaften zu tun habe. Seit den 1960er Jahren hätten sogenannte „Reformen“ zu einer Politik wider besseres Wissen und wider die Vernunft geführt. Die Leidtragenden seien die Schüler, besonders diejenigen aus bildungsfernen Schichten, denen durch die „Reformitis“ eine echte Schulbildung vorenthalten werde. Wie schnell so etwas geschehen könnte, illustrierte Kraus am Beispiel Baden-Württembergs, das früher bei allen Leistungsstudien immer zu den vier besten Bundesländern gehört habe und nun auf Platz 12 zurückgefallen sei. Die rot-grüne Regierung in Stuttgart habe es also von 2011 bis 2016 geschafft, das einstige Bildungsmusterländle in nur fünf Jahren an die Wand zu fahren.

Josef Kraus identifizierte fünf Gründe, weshalb sich in Deutschland die schulische Bildung mehr und mehr verschlechtere. Erstens die Ideologie des Egalitarismus, nach der es keine verschiedenen Schulformen, keine verschiedene Begabung und keine bestimmten Werte geben dürfe, da alles gleich bzw. gleich gültig sei. Zweitens die Hybris, die aus dem Behaviorismus den Wahn ableite, jeder könne total gesteuert und zu allem „begabt“ werden. Drittens die Quoten-Begeisterung, jene planwirtschaftliche Vermessenheit, nach der möglichst alle das Abitur bekommen müssen, egal ob die Leistung stimmt („Wenn alle Abitur haben, hat keiner mehr Abitur.“). Und schließlich fünftens der Wunsch nach Beschleunigung, die Vision, daß man mit noch früherer Einschulung in immer weniger Schuljahren mit immer weniger Unterrichtsstunden schneller zu besser gebildeten jungen Leuten und gesteigerten Abitur- und Akademikerquoten kommen könne, die dieser Qualifikation auch noch entsprechen könnten.

Der ehemalige Gymnasialdirektor wies auf die Verquickung von Politik und Wirtschaft in den Fragen der Bildung hin. Beispielhaft sei hier die Bertelsmannstiftung, deren enorme finanzielle Möglichkeiten es ihr gestatteten, durch vielbeachtete Studien die Bildungspolitik im Sinne der fünf genannten Ideologien maßgeblich mitgeprägt habe und dies auch weiter tue. Auf ihre „Expertise“ griffen Bildungspolitiker nur allzu gern zurück und hätten so noch die wissenschaftliche Begründung für ihr Handeln gegen jedwede Vernunft. Josef Kraus warb deshalb für ein stärkeres bürgerschaftliches Engagement. Dafür gebe es zwei gelungene Beispiele: So hätte 1978 ein Volksbegehren in NRW die von der Landesregierung geplante „Kooperative Gesamtschule“ verhindern können, und 2010 konnte durch einen Volksentscheid in Hamburg die Verlängerung der Grundschule von vier auf sechs Jahre gestopt werden. Im zweiten Falle war dies nicht nur das Ende des Gesetzentwurfes, sondern auch das Ende der Landesregierung. Die Bürger könnten also durchaus etwas gegen den andauernden Prozeß der Nivellierung des Bildungswesens tun, wenn sie sich nur gegen vorgeschlagene Bildungs-„Deformationen“ zusammenschließen würden, so Kraus zum Abschluß. Aber ohne bürgerschaftlichen Einsatz für die Bildung überlasse man den Ideologen in den Ministerien das Feld.

Einen Videomitschnitt des Vortrags von Josef Kraus finden Sie demnächst hier auf unserer Internetseite.

2017-11-09T14:20:57+00:00