Totalitäre Herrschaftstechnik: Wie es dem Nationalsozialismus gelang, Gefolgschaft zu erzeugen und zu erhalten

Der Historiker Götz Aly sprach über die Methoden, mit denen das Hitler-Regime die Deutschen zu Mitläufern und Vollstreckern machte

Götz Aly bei der Vorstellung seines Buches

Am 9. September 2026 stellte der Berliner Historiker und Politikwissenschaftler Götz Aly sein Buch Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945 vor, in dem er die Herrschaftstechnik des Nationalsozialismus beschreibt. Er arbeitet darin heraus, wie Hitler, indem er vorgab, eine Volksgemeinschaft zu formen, eine Verbrechensgemeinschaft schuf.

Zu Beginn habe das Hitler-Regime seine Macht mit sozialpolitischen Maßnahmen gefestigt, wie zum Beispiel die schrittweise Erhöhung des Anspruchs auf bezahlte Urlaubstage. Die Nationalsozialisten hätten den Aufstiegswillen der unteren und mittleren Bevölkerungsschichten angesprochen, dabei setzten sie gezielt bei antisemitischen Ressentiments an. Indem zum Beispiel Juden aus gutbezahlten Stellen an den Universitäten und in der Verwaltung entfernt wurden, sei für andere sozialer Aufstieg ermöglicht worden. Enteignetes jüdisches Eigentum wurde zu günstigen Konditionen an andere Deutsche übertragen.

Die zahlreichen Baumaßnahmen, die Aufrüstung und die Sozialausgaben in den ersten Jahren ihrer Herrschaft hätten die Nationalsozialisten im wesentlichen über Verschuldung finanziert. Der Haushalt des Reiches und die galoppierende Verschuldung seien geheimgehalten worden, um diesen Zusammenhang zu verschleiern. Dabei hätten sie auch vor Eingriffen in das Eigentum nicht zurückgescheut, so mußten ab 1934 Dividenden aus Aktienbesitz zu einem Teil zwangsweise in Staatsanleihen angelegt werden. Der Zinsatz für Staatsanleihen sei dann im Folgejahr herabgesetzt worden.

Die Judenverfolgung hätte dem Staat auch Zugriff auf das Vermögen der Verfolgten verschafft. Nach dem Pogrom im November 1938 wurde Juden mehrere Milliarden Reichsmark als Zwangszahlung auferlegt, die den klammen Staatshaushalt aufbesserten.

Schließlich habe Hitler den Krieg auch begonnen, da seine Verschuldungspolitik an ihre Grenzen gekommen sei und er mit einem Raubkrieg die marode wirtschaftliche und fiskalische Lage aufbessern wollte. Dabei sollten die angegriffenen Länder die ganze Last des Krieges tragen. Anders als im Ersten Weltkrieg, in dem auch die Deutschen hungerten, gab es für die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges meist genug zu essen, da die überfallenen Länder ausgeplündert worden seien. Erst nach Kriegsende sei der Hunger mit Verzögerung in Deutschland angekommen.

Mit dem Krieg ab September 1939, der im Volk nicht populär gewesen sei, hätten die großangelegten Mordaktionen begonnen. Der Massenmord an schwerkranken und behinderten Deutschen habe den Anfang markiert. Er wurde durch Propaganda für Eugenik begleitet, die damals als modern galt. Gegen die Morde an Kranken habe es kaum Widerstand gegeben. Ein Grund dafür sei gewesen, daß die Nationalsozialisten vor allem auch Kranke und Behinderte ermordeten, die wenig oder keinen Besuch erhielten. Erst als der katholische Münsteraner Bischof Galen die Morde bekannt gemacht habe, hätten die Nazis ihr Euthanasieprogramm eingestellt.

Wenn auch schon während der Eroberung und Besetzung Polens Massaker durchgeführt wurden, seien mit dem Krieg gegen die Sowjetunion ab dem Sommer 1941 die Massenmorde erst auf ein unheimliches Niveau gesteigert worden. Sowjetische Kriegsgefangene hätten die Nationalsozialisten in großer Zahl verhungern lassen, der Mord an den Juden sei ab diesem Zeitpunkt systematisch im großen Stil betrieben worden.

Hitler, Goebbels und den weiteren führenden Persönlichkeiten des nationalsozialistischen Regimes sei schon früh bewußt gewesen, daß sie so viel Schuld auf sich geladen haben, daß am Ende nur Sieg oder Untergang stehen könne. Schritt für Schritt sei das Volk in Mitwisserschaft gezogen worden, wodurch die Angst vor Rache und Vergeltung herangebildet worden sei, was die Menschen zum Durchhalten animiert habe. Ein weiterer Faktor waren die alllierten Bombenangriffe auf die deutschen Städte, sie hätten die Menschen traumatisiert und in der Einsamkeit isoliert. Das sei vom Regime sogar als vorteilhaft betrachtet worden, da so die Organisation von Widerstand gegen das Regime verunmöglicht wurde. Ziel war es, die Menschen beschäftigt zu halten. Götz Aly erklärt so, wie es dem Hitler-Regime gelang, bis zur unvermeidlichen Niederlage 1945 Gefolgschaft aufrechtzuerhalten.

 

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