Michael Klonovsky über 30 Jahre im „Land der Wunder“

Michael Klonovsky

Am 6. November 2019 las Michael Klonovsky anläßlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls aus seinem in den Zeiten der Wiedervereinigung spielenden, autobiographischen Roman „Land der Wunder“. Der Journalist, Autor und Politikberater zeigte in einigen Passagen auf, wie es noch heute um die Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West steht. Dabei verschonte sein Spott weder die bleierne Endzeit der DDR noch das selbstgefällige, von der Wiedervereinigung nicht wirklich überzeugte bundesrepublikanische Juste milieu.

Klonovsky schilderte zunächst, wie der Protagonist seines Buches nach der Relegation von der Universität die sozialistische Staatswirtschaft kennenlernen darf. Als Gabelstaplerfahrer im Ost-Berliner Zentrallager für Spirituosen, offenbart sich dem Altphilologen in der Praxis die bereits gewonnene Erkenntnis, daß dieser Staat und er nicht zusammenpassen. Das kleine Glück im privaten und bei Alkohol suchend, entzieht er sich dem offiziellen sozialistischen Teil-Deutschland in der Nischenexistenz. Durch verschiedene Tätigkeiten gelangt er schließlich als Korrekturleser zu einem SED-Organ, deren Redakteure er immer wieder durch eigene, spitze Artikel zu nerven weiß. In Opposition zum System stehend, ohne Oppositioneller oder Bürgerrechtler zu sein, profitiert der Erzähler von der friedlichen Revolution in der DDR, und durch seine frechen Artikel eröffnen ihm sich nun die Wege in den Journalismus und die westdeutsche Gesellschaft.

Wie Klonovsky den neuen Herausgeber des vormaligen SED-Organs beschreibt, der sich als generöser Onkel aus dem Westen gibt und durch sein pures Auftreten die verunsicherte ostdeutsche Belegschaft zu beeindrucken weiß, bringt die Verschiedenheit der Deutschen aus Ost und West auf den Punkt. Das Selbstbewußtsein, so der Autor, schien die deutsch-deutsche Schlüsseleigenschaft jener Zeit zu sein, sowohl im Vorhandensein wie im Fehlen. Das bis heute komplizierte Verhältnis der Deutschen untereinander zeigte Klonovsky in einer Restaurantszene auf. Der weltgewandte Herausgeber gibt den Kosmopoliten, der dem Neujournalisten aus dem Osten den Westen im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft machen möchte. Der Erzähler, der um die wiedervereinigungskritischen Artikel seines Gastgebers weiß, fragt den auch rundheraus: „Und warum wollten Sie nicht wiedervereinigt werden?“ Diese große Peinlichkeit vieler West-Intellektueller bringt Klonovsky damit auf den Punkt. Sein sarkastischer Stil macht vor keinen Befindlichkeiten halt und zerlegt so Mythen und Legenden rund um die Wiedervereinigung. Er zeigt zwei deutsche Treibhäuser, die zu einem werden und bis heute von der Verschiedenheit ihrer Pflanzen irritiert sind, obwohl sie doch die gleiche deutsche Wurzel haben.

Das Video der Lesung sehen Sie demnächst hier auf unserer Seite.