Linke Intellektuelle: Von der Kulturrevolution zur Woke-Bewegung

Tom Sora über die Kunstavantgarde als totalitäre Bewegung

Tom Sora bei seinem Vortrag

Der Musikwissenschaftler und Publizist Tom Sora stellte am 12. Juni 2024 sein neues Buch „Linke Intellektuelle im Dienst des Totalitarismus – Wie die Kunstavantgarde den Weg für die Woke-Bewegung bereitete“ vor. Zwei wesentliche Erfahrungen hätten ihn zun diesem Thema geführt: Nachdem er 1981 von Rumänien nach Westdeutschland geflohen war und in München und Stuttgart Orgel- und Musiktheorie studierte, kam er mit der sogenannten Neuen Musik in Kontakt. Diese Musikbewegung, die um die Jahrhundertwende entstand, zeichnete sich durch atonale Klangwelten und strukturelle Homogenität aus. Die „Serielle Musik“ des österreichischen Komponisten Arnold Schönberg etwa orientierte alle Noten und Klänge nach mathematischen Zahlenfolgen. Sora fühlte sich durch diese Herangehensweise an den Kommunismus erinnert, besonders durch die erzwungene Homogenität und die Nivellierung aller Schönheit. Er verwies auf Renaissance-Denker wie Thomas Morus und Tommaso Campanella, die Utopien entwarfen, die sich durch radikale Gleichheitsphantasien auszeichneten.

Ein weiteres prägendes Ereignis für Sora war die Asylkrise von 2015. Er stellte sich die Frage, warum die Linke die Grundregeln des Zusammenlebens mißachtete und sah Parallelen zum Kommunismus, wo Zerstörung – sei es der Sprache, der Familie oder des Schulunterrichts – ebenfalls eine Rolle spielte. Diese Zerstörung durch Subversion sah er auch als zentrales Thema der Kunstavantgarde, die Zerstörung oft als Befreiung verstand.

Im folgenden legte Sora dar, wie die Kulturavantgarde des 20. Jahrhunderts im Sinne einer leninistischen Ideologie agierte und sich als Vorreiter einer kulturellen Revolution sah. Bereits der französische Philosoph Henri de Saint-Simon entwarf Anfang des 19. Jahrhunderts eine Gesellschaft, die von einer kompetenten Elite aus Wissenschaftlern, Industriellen und Künstlern autoritär, aber wohlwollend geführt werden sollte. Diese Elite sollte die Arbeiterschicht durch künstlerische Inspiration zur Fügsamkeit bringen. Lenin griff diese Ideen auf und verstand, daß die Revolution nicht nur aus sozialen und ökonomischen Gründen erfolgen würde, sondern durch die Propaganda der Künstler. Die Kunstavantgarde sollte als revolutionäre Armee agieren und sich als die Besten ihrer Zeit präsentieren. Dabei warnte Sora, die Avantgardisten nicht als freiheitsliebende Individualisten zu betrachten, als die sie oft wahrgenommen werden. Die Mehrheit der Avantgardisten des 20. Jahrhunderts wollte die bürgerliche Ordnung durch Kollektivismen ersetzen. Auch Hannah Arendt bemerkte, daß sich die westliche Intelligenz in dieser Zeit dem russischen Revolutionär angenähert habe.

Die Bestimmung eines Gründungsdatums der Kunstavantgarde ist laut Sora kompliziert. Er nennt das „Futuristische Manifest“ des italienischen Dichters Filippo Tommaso Marinetti von 1909 als einen der ersten Texte der modernen avantgardistischen Künstlerbewegung. Später folgten Dadaisten und Surrealisten, die ebenfalls politische Ziele verfolgten. So forderte der Dadaist Tristan Tzara die „Zerstörung der Logik“, und 1919 verlangte ein „Dadaistischer Zentralrat“ die Weltrevolution. Der französische Surrealist Louis Aragon wünschte sich das Gulag-System für ganz Frankreich.

Marinetti habe in seinem Manifest den Grundgedanken aller Avantgarden formuliert: Man müsse die Bibliotheken und Akademien zerstören, die „ehrwürdigen Städte“ ohne Erbarmen „niederreißen“. Ebenso propagierte er die Zerstörung von Syntax und herkömmlicher Sprache. „Antonio Gramsci war ein Bewunderer Marinettis, speziell seiner anti-kulturellen Zerstörungswut, obwohl sie politisch weit auseinander lagen“, betont der Musikwissenschaftler.

Sora sieht den endgültigen Siegeszug der Avantgardisten erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Während der Leninismus militärisch scheiterte, wurde Gramsci durch die Frankfurter Schule ersetzt. Die Linke wurde zunehmend wohlwollend behandelt, solange sie keine terroristischen Methoden anwandte. Was heute an den Universitäten als „Wokeness“ bezeichnet werde, sei das Ergebnis dieser Entwicklungen.

In der anschließenden Aussprache wurde unter anderem eingewandt, daß die Aussagen der Dadaisten nicht immer ernst zu nehmen seien. Carl Schmitt, ein marxistischer Sympathien unverdächtiger Denker, habe ebenfalls dadaistische Kunst produziert, ohne ideologische Hintergründe, sondern aus einer Laune heraus. Außerdem habe es Künstler wie György Ligeti gegeben, der keine marxistischen oder zerstörerischen Tendenzen zeigte. Sora entgegnete, man müsse zwischen künstlerischer Moderne und tatsächlicher Avantgarde unterscheiden. Nicht jeder, der moderne oder postmoderne Kunst betreibe, sei automatisch ein Avantgardist. Es gebe viele Graustufen, und man müsse jeden Künstler einzeln beurteilen.

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