Freiheit gegen leviathanisches Gewölk

//Freiheit gegen leviathanisches Gewölk

Parviz Amoghli über Ernst Jüngers Waldgang heute

AmoghliDer Waldgang weist dem freien Einzelnen einen Weg aus dem Dilemma. Und der führt ihn immer weiter zurück in Richtung Ursprung, also genau entgegengesetzt zum Zug der Zeit. Sein Ziel ist die Seinsverdichtung, die Begegnung mit dem eigenen Selbst. Doch schon weit vorher tun sich demjenigen, der sich in den Wald aufmacht, bis dahin ungekannte Sichtweisen auf.

So formulierte der Berliner Publizist und Filmemacher Parviz Amoghli seine Sicht auf Ernst Jüngers Buch „Der Waldgang“ (1951) vor den rund 120 Zuhörern, die sich am 25. Februar 2016 in der Bibliothek des Konservatismus zum Vortrag eingefunden hatten.

Aus Sicht des deutsch-persischen Autors versuchte Jünger zu ergründen, worum es sich beim aktiven Nihilismus handle, wieweit dieser vorangeschritten sei und ob die Menschheit den „Nullmeridian“, also jene Grenze, hinter der das Nichts herrsche, bereits überschritten habe. Mitte der zweiten Dekade des dritten Jahrtausends hat sich aus Sicht Amoghlis zumindest die letzte Frage erledigt, jedenfalls für die Berliner Republik und sofern es stimme, daß der Niedergang der „höchsten Werte“ ein Kriterium für die Ankunft im Jenseits der Linie abgibt. Die politische und gesellschaftliche Umsetzung finde der aktive Nihilismus in einem Leviathan, den Jünger dann ein Jahr später als den Gegenspieler des Waldgängers näher untersuchte.  Aktuell sei es jedoch eher ein weltanschaulich heterogenes „Gewölk“, das sich anschicke, der Leere das Feld zu bereiten.

Parviz Amoghli in der BdK

Parviz Amoghli in der BdK

Nichtsdestotrotz hätten sich die von Jünger beschriebenen Eigenschaften und Vorgehensweisen totalitärer Herrschaft auch bei den heute tonangebenden Eliten erhalten. Schon sei der nächste „neue Mensch“ als Abbild fleischgewordener Zukunft ausgerufen. Erneut, diesmal in der digitalisierten Maschinenwelt, solle er Motor des zivilisatorischen Prozesses und damit der Vereinheitlichung des Einzelnen sein, so der Referent weiter. Wie seine Vorgänger instrumentalisiere der „neue Mensch“ dazu die Bequemlichkeit und Furcht der Menschen, so lange bis „der Einzelne … in den Bann der nihilistischen Spannung einbezogen und … von ihm gefällt …“ werde.

Aus Sicht von Parviz Amoghli lerne der Waldgänger zu ent- sowie zu unterscheiden und seine Furcht zu überwinden. Vor allem aber erkenne er, um was es sich bei den herrschenden Mächten in Wirklichkeit handle: um „Schaum der Zeit“. Je tiefer er in der Geschichte hinabsteige und damit in den Wald vordringe, je intensiver er nach seinem höchst individuellen Verhältnis zum Weltganzen suche, desto offensichtlicher stehe es vor ihm. Und darin liege letztendlich seine Rettung.

Radikaler Individualismus sei Jüngers Antwort auf den Einheitsmenschen: „Nichts geht über mich“ statt „Du bist nichts, die Menschheit alles“. Die Freiheit gegen die gegenwärtige Total-Vereinnahmung. Und deren Ort, so Amoghli, sei der Wald.

Eine Videoaufzeichnung des Vortrages können Sie hier sehen.

2017-08-29T15:01:10+01:00