Rainer Waßner über konservative Tendenzen bei Ralf Dahrendorf

Rainer Waßner

Der Hamburger Soziologe Rainer Waßner sprach am 23. Oktober 2019 über konservative Tendenzen im Spätwerk Ralf Dahrendorfs. In der Frühphase sei Dahrendorf ein liberaler Konfliktsoziologe gewesen, dem später ein prinzipielles Umdenken hin zu Bindungen gelang. Im Spätwerk schließlich dominiere eine tätige Freiheit hin zur Gesellschaft, auf Basis der Tradition.

Das Frühwerk Dahrendorfs (1956 bis 1969) sei sehr umfangreich und am besten als „Konfliktsoziologie“ beschrieben. Konflikt werde zum Sinn und Inhalt der Geschichte, zum Initiator eines ständigen sozialen Wandels und zum Erzeuger immer neuer Vergesellschaftungen stilisiert, zum Förderer der Freiheit: also eine absolut schöpferische, progressive Kraft.

Im Jahr 1969 sei dann eine Revision erfolgt. Dahrendorf habe eine zusätzliche Dimension des Sozialen entdeckt, die Waßner als „Vor-Verbundenheit“ bezeichnete. Dahrendorf attestierte, daß die politische Theorie der Freiheit sich so sehr auf menschliche Wahlmöglichkeiten konzentriert habe, daß sie dabei die Bedeutung von Bindungen und Bezügen aus den Augen verloren habe. Deshalb setzte er nun auf Optionen und Ligaturen in einer Wert- und Seinsbeziehung. Optionen als Wahlmöglichkeiten des Menschen seien das eine. Doch die Ligaturen, die man auch als Traditionen bezeichnen könne, grundierten das soziale Leben. Soziale Bündnisse wie der Gesellschaftsvertrag hätten echten Bestand nur mittels der Existenz und Wirksamkeit der Ligaturen. Dahrendorf sprach von einem optimalen Verhältnis von Optionen und Ligaturen, das in den Gesellschaften der Gegenwart möglicherweise gestört sei. Dies, so Waßner, sei nicht weniger als eine kulturkritische, unmißverständliche Absage an jede lineare Entwicklungs-, Modernisierungs- und Fortschrittstheorie, wie sie noch im Frühwerk anzutreffen war. Dahrendorf habe sogar den Begriff der sozialen Struktur als zu neutral verworfen. Nicht die Strukturen und Regeln verschwänden, sondern die Bezüge und Bindungen, die Ligaturen – und mit ihnen die Kraft der sozialen Bejahung. So sei auch Säkularisierung ein Verlust an Bindung.

Dahrendorf habe sich dann nochmals im Jahre 2002 grundlegend zu sozialen und politischen Themen zu Wort gemeldet. In sechs Vorlesungen, die unter dem bezeichnenden Titel „Auf der Suche nach einer neuen Ordnung – Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert“ erschienen. Diese seien „Vorlesungen zur Politik der Freiheit in einer haltlosen Welt.“ In dieser entgleitenden Welt suchte Dahrendorf nunmehr die Freiheit zur Gesellschaft: „Die Freiheit, die ich meine, ist nicht eine Freiheit als Zustand, also als bloße Möglichkeit der Erfüllung, sondern Freiheit als Tätigkeit, die Lebenschancen wirklich macht. Tätige Freiheit ist mein durchgängiges Thema.“ Gegenbild sei die untätige Freiheit, die nicht von sich selbst Gebrauch mache. Jene Gesellschaft der Fernsehzuschauer, die auf dem Bildschirm eine Welt passieren lassen, an der sie keinen Anteil mehr haben und bald auch keinen mehr haben können. Die tätige Freiheit sei die oberste Maxime.

Diesem Bekenntnis schloß sich Waßner an, der daraus die Quintessenz zog: Das Soziale muß gewollt werden, sonst ist es nicht. Die konservativen Umbrüche im Werk Dahrendorfs seien zwar deutlich zu sehen, aber am Ende habe es doch immer wieder liberale Vorbehalte gegeben, so daß er den letzten Schritt zu einer dezidiert konservativen Soziologie nicht gegangen sei. Dennoch habe er weite Wege und Umwege in seiner Soziologie beschritten und für diesen Mut und für seine Sachaussagen gebühre ihm, gerade von Konservativen, mehr Aufmerksamkeit, als er derzeit erfahre, so Waßner abschließend.

Das Video des Vortrags sehen Sie demnächst hier auf unserer Seite.