Peter J. Preusse über Freiheit, Staat und Moral

Peter J. Preusse

Am 25. September 2019 sprach der Marburger Publizist Peter J. Preusse zum Thema „Das sogenannte Gute – Über Freiheit, Staat und Moral“. Der Autor mehrerer Bücher zur libertären Philosophie erläuterte die Gegensätze von Gemeinschaft und Gesellschaft sowie Moral und Ethik, um die Möglichkeiten einer freien Gesellschaft aufzuzeigen.

Für Preusse zeichnet sich Gemeinschaft durch eine überschaubare Größe aus (Urgemeinschaft sei die Familie, dann die Sippe, das Dorf usw.). Verbindendes Element der Mitglieder der Gemeinschaft sei die Homogenität der Gruppe, als Grundlage der Wahrnehmung eines gemeinsamen Ganzen. Geteilte Ansichten und Interessen bildeten die Identität des „Wir“ gegen andere Gemeinschaften. Es gebe also eine „Wertegemeinschaft“ mit diskriminierender Zugehörigkeit: Die Mitglieder und die Nicht-Mitglieder. Merkmale von Gemeinschaften seien die bedürfnisgerechte Verteilung von Ressourcen und der Versuch, Ergebnisgleichheit oder Chancengleichheit herzustellen. Auf der Ebene der Gemeinschaften seien Liebe, Wärme, Geborgenheit und Menschlichkeit angesiedelt. Hier sei Moral das handlungsleitende Instrument. Der Gegenstandsbereich der Moral sei das normale Gesichtsfeld des realen, ganzen und emotionalen Menschen. Die Ausdehnung des Gesichtsfelds dieser Emotionalität auf die abstrakte Menschheit und darüber hinaus, die Überdehnung der Nächstenliebe zur Fernstenliebe, wäre jedoch Hypermoral. Wer also Moral für die Massen propagiere, wolle diese nicht erheben, sondern beherrschen.

Die Gesellschaft dagegen könne aus vielen Gemeinschaften bestehen, sei aber ob ihrer Größe (Stadt, Staat etc.) nicht in der Lage, eine solche enge „Wertegemeinschaft“ zu bilden. Gerechtigkeit in der Gesellschaft beruhe auf der Autonomie des Tausches, in der Abwesenheit von willkürlichem Zwang des einen Tauschpartners gegenüber dem anderen. Ein fairer Tausch setze Ungleichheit voraus und bewirke sie. Ergebnisgleichheit oder auch nur Chancengleichheit haben in der anonymen Gesellschaft keinen Platz, denn es fehle an der faktischen Gleichheit oder Homogenität der Menschen, wie in der Gemeinschaft. Die anonyme Gesellschaft sei ein Werte-Pluriversum, in dem nur Ethik der verbindliche Maßstab für den Umgang unter Menschen sein könne. Während Moral die Werte von Gleichen in einer Gemeinschaft regele, ermögliche Ethik dies den anonymen Menschen in der Gesellschaft. Die Gemeinschaft funktioniere also auf Basis der Moral des menschlichen Miteinander der Gleichen. Die Gesellschaft, die aus vielen, sich überlappenden Gemeinschaften bestehen könne, funktioniere durch die Ethik, die unter autonomen Fremden das Miteinander regele. Die rationale Ethik sei, so Preusse, eine erst jüngst sich etablierende, aber mit der jüdisch-christlichen Überlieferung kompatible Eigentumsethik, die in dezidierter Opposition zur tödlichen Utopie der Gleichheit stehe.

Moral gehöre also nur zur Gemeinschaft und dürfe nicht darüber aus- und überdehnt werden. Sonst drohe der Umschlag in die Hypermoral, der Versuch einer kleinen Gruppe, ihre Moral allen anderen Gemeinschaften aufzuzwingen und die Freiheit aller zu gefährden. Verschiedene Gemeinschaften bildeten die Gesellschaft. Doch für eine freie Gesellschaft müßten deren Spielregeln auf der Basis der Freiwilligkeit und der Abwesenheit von Zwang errichtet sein. Dies geschehe durch die Ethik, die den anonymen Vielen ihre Würde in Autonomie, Selbsteigentum und Selbstverantwortung ermögliche. Nur durch die klare Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft und die darauf bezogene Trennung von Moral und Ethik, sei die Freiheit der Menschen dauerhaft zu sichern, ohne in Zwangsherrschaft abzugleiten.