Heinz Theisen über Selbstbehauptung durch Selbstbegrenzung      

Heinz Theisen

Am 27. April 2022 konnte die Bibliothek des Konservatismus nach einer nahezu zweijährigen Zwangspause endlich wieder den Veranstaltungsbetrieb aufnehmen. Professor Heinz Theisen stellte aus diesem Anlaß sein neues Buch Selbstbehauptung – Warum Europa und der Westen sich begrenzen müssen vor. Der Kölner Politikwissenschaftler präsentierte zunächst seine Ausgangsthese, der zufolge der Westen nur eine Zukunft haben könne, wenn er seinen weithin erloschenen Willen zur Selbstbehauptung wiederfinde und gleichzeitig lerne, sich selbst zu begrenzen.

Der mangelnde Wille zur Selbstbehauptung Europas habe eine neue Haltung in Politik und Gesellschaft hervorgebracht, die darauf abziele, alle eigenen Kulturzeugnisse zu dekonstruieren und einer kritischen Analyse zu unterwerfen. Gleichzeitig sei man einer Weltanschauung der unbegrenzten Weltoffenheit gefolgt und habe diese auf die ganze Welt projiziert. Die Konsequenz sei, daß man sich hierzulande kontinuierlich von den politischen Realitäten entfernt habe. Daß diese Entwicklung zuvörderst Deutschland selbst schade, sei offenkundig und besorgniserregend, denn andere Mächte wüßten diese Schwäche des Westens auszunutzen, so etwa der Islamismus oder der expandierende Nationalismus Rußlands. Doch sich selbst, nach innen und außen, Grenzen zu setzen, sei immer notwendig, das hätten die letzten Jahre deutlich gezeigt. Fälschlicherweise habe man sich jedoch der Illusion hingegeben, der Rest der Welt würde diesem westlichen Modell Folge leisten. Doch sei dies ein Trugschluß gewesen, denn ganz im Gegenteil verfolgten alle anderen Kulturen nach wie vor ihre je eigenen Interessen. Theisen warnte indes auch vor einer Überdehnung der Selbstbehauptung. Denn auch innerhalb Europas gebe es Kräfte, die das Eigene überbetonten und dadurch von dem Prinzip der Selbstbehauptung in die Regression kippten.

Im weiteren Verlauf seines Vortrags nannte Theisen für seine These mehrere Beispiele: Erstens die Corona-Pandemie, deren ungehemmte Ausbreitung nicht zuletzt auf das Fehlen kontrollierter Grenzen zurückzuführen sei. Zweitens die sogenannte „Klimakrise“, deren Bekämpfung in Deutschland zur Zerstörung der eigenen Wirtschaft führe und zugleich von maßloser Selbstüberschätzung des Einflusses in der Welt zeuge. Drittens der Krieg in der Ukraine, der zeige, daß Deutschland militärisch nicht für den Ernstfall gerüstet und zudem nicht in der Lage sei, seine Einflußsphären angemessen zu schützen.

In der an den Vortrag anschließenden Diskussionsrunde wurde noch einmal herausgestellt, daß die Globalisierung immer relational zu bewerten sei, denn die eine Globalisierung gebe es nicht. Für China beispielsweise bedeute sie etwas vollkommen anderes als für die Vereinigten Staaten. Das Anerkennen einer multipolaren Weltordnung sei unumgänglich, wenn man in Zukunft global bestehen wolle.

Das Video des Vortrags sehen Sie demnächst hier auf unserer Seite.