Für den Konservativen ist alle Erkenntnis historisch

//Für den Konservativen ist alle Erkenntnis historisch

Frank Judo über das konservative Zurückschauen

Frank Judo

Am 10. April 2019 sprach der belgische Historiker und Jurist Frank Judo zum Thema „Kleines Lob der Reaktion – Warum wir von Zeit zu Zeit zurückschauen müssen“. Dabei setzte er sich zunächst mit dem Vorwurf auseinander, daß Konsistenz keine konservative Tugend sei, weil der Konservatismus nun einmal antidoktrinär oder gar antiintellektuell sei. Da sich Konservative jedoch auf große Vorläufer wie Edmund Burke, François-René de Chateaubriand oder Friedrich Julius Stahl beriefen, verwundere diese Einschätzung. Die Erklärung liege im Erkenntnismodell des Konservatismus.

Der sogenannte konservative Antiintellektualismus lasse sich im wesentlichen auf die historische Identifikation des konservativen Denkens mit einem Ideal von Erkenntnis reduzieren, die heute nicht mehr vorherrschend sei. Aus konservativer Sicht sei alle Erkenntnis von Grund auf historisch. Sie sei also vorhanden und könne aus den Relikten der Vergangenheit gesammelt werden, ob diese nun textlich, materiell oder immateriell seien. Aus dieser Sammlung lasse sich dann Erkenntnis ableiten. Es gebe also keinen konservativen Antiintellektualismus, sondern nur jene besondere Form konservativer Erkenntnis, die aber in sich konsistent sei.

Judo warf daran anschließend die Frage auf, ob ein Großteil der Krise des konservativen Denkens und insbesondere die wiederholte Untreue der Konservativen gegenüber ihren eigenen Überzeugungen nicht davon herrühre, daß man zuwenig und nicht zuviel in die Vergangenheit zurückblicke. Eine fehlende langfristige Perspektive bewirke eine Form der Kurzsichtigkeit, die einem konsistenten Konservativismus grundsätzlich im Wege stehe. Aus den politischen Institutionen höre man beispielsweise oft den Aufschrei verwunderter Progressiver, die sich nicht vorstellen können, daß ein mehr als 100 Jahre altes Gesetz immer noch angewandt werde. Doch selbst die Gewaltenteilung und der Grundsatz der „Checks and Balances“ gingen unverkennbar auf das regimen mixtum zurück, einen Klassiker des konservativen Denkens, weit älter als die Aufklärung. Die Geschichte zeige sich also immer als die Quelle jeder Erkenntnis. Für Konservative gehe es aber nie um ein starres, automatisches Weitermarschieren, sondern um das Vertrauen in die Relevanz früherer Erfahrungen. Ein Konservativismus, der auf eigenen Beinen stehen wolle, so Judo, müsse die Tradition identifizieren und ihr Erbe pflegen. Sedimentierte Bedeutungsschichten dürften nicht abgetragen, sondern müßten gedeutet werden. In einem Satz: Konservativ sei, Traditionen in einen Kontext einzubetten, der Relevanz ermögliche.

Einen Mitschnitt des Vortrags sehen Sie demnächst hier auf unserer Internetseite.

2019-04-22T18:46:08+01:00