Helmut Kohl und die „Unersetzlichkeit“ im historischen Prozeß

//Helmut Kohl und die „Unersetzlichkeit“ im historischen Prozeß

Patrick Bahners über Helmut Kohl und den Charakter der Macht

Patrick Bahners in der BdK

Am 21. Februar 2018 stellte der FAZ-Redakteur Patrick Bahners sein aktuelles Buch „Helmut Kohl – Der Charakter der Macht“ vor rund 80 Zuhörern in der Bibliothek des Konservatismus vor. Der Historiker befaßte sich in seinem Vortrag vor allem mit Jacob Burckhardts geschichtsphilophischen Konzepten von der „Größe“ und Unersetzlichkeit“ von Personen für den geschichtlichen Prozeß, wobei „Unersetzlichkeit“ in diesem Zusammenhang darauf abzielt, daß ohne solche Figuren der historische Ablauf anders verlaufen wäre.

Bahners stellte daher Helmut Kohl in eine Reihe mit Persönlichkeiten wie Augustus und Napoleon, da die deutsche Einheit und die Entwicklung der Europäischen Union von diesem federführend vorangetrieben worden seien. Es sei sehr fraglich, ob ein anderer Kanzlers in dieser Situation dasselb vermocht hätte, so Bahners. Der Feuilletonist erinnerte daran, daß 1989 und 1990 die Wiedervereinigung keinesfalls eine ausgemachte Sache gewesen sei, die so oder so passiert wäre. Vielmehr hätten die handelnden Aktuere, allen voran Kohl, das Ergebnis erst möglich gemacht und nur in der Rückschau erscheine die heutige Einheit als logische Folge, die auch ohne den persönlichen Einsatz der politisch Verantwortlichen so gekommen wäre.

Die Spendenaffäre, die den Knzler im Jahr seiner Abwahl einholte, bestimme bis heute das Bild und verdecke viel von seiner Bedeutung und seinen Verdiensten. Zugleich zeige sich hier aber auch der Charakter Helmut Kohls, der sich ja nicht persönlich bereichert habe, sondern  die Gestaltungsmacht für sich und seine Partei sichern wollte. Kohls Argumente gegen Kritiker wie Richard von Weizsäcker zeigten, daß hier ein persönliches Loyalitätsverhältnis in der Politik, geradezu vormodern, praktiziert worden sei, welches die Erlangung großer politischer Ziele über die allgemeinen Konvention und auch Gesetze stellte. Jacob Burckhardt sagte: „Größe ist, was wir nicht sind.“ Ein großer Mann wolle immer absolut gelten, losgelöst von der Begründungspflicht. Damit, so Bahners, zeige sich sowohl im Triumph der Wiedervereinigung als auch der Tragik der Spendenaffäre das gleiche Prinzip und der gleiche Charakterzug, weshalb man nicht umhin komme, Helmut Kohl eine Burckhardtsche „Größe“ zu attestieren.

2018-02-26T12:09:51+00:00