Gesellschaften brauchen eine Balance zwischen rechts und links

//Gesellschaften brauchen eine Balance zwischen rechts und links

Rolf Stolz über die ’68er und die heutigen Konservativen

Rolf Stolz

Am 17. April 2019 sprach Rolf Stolz zum Thema „Die ’68er und ihre Revolte – Was können Konservative daraus lernen?“. Der Mitbegründer der Grünen, der selbst in der Studentenbewegung aktiv war, zeigte die Heterogenität der sogenannten ’68er auf, beschrieb die Vorläufer in den 50er und frühen 60er Jahren, um die ganze Breite jener Generation vorzuführen, deren Klammer vor allem das Gefühl war, „links“ zu sein. Heute, da sich die gefühlte Stimmung wieder mehr nach rechts orientiere oder zumindest konservatives Denken wieder en vogue sei, komme es darauf an, ebenfalls heterogen zu bleiben und sich auch und gerade im Bereich von Kunst und Kultur zu engagieren. Eine funktionierende Gesellschaft brauche immer, so Stolz, eine Balance zwischen rechts und links.

Die geistige Weite und organisatorische Breite der 68er-Bewegung sei bei allen dadurch ausgelösten Querelen und Selbstblockaden eine ihrer Stärken gewesen. 1968 waren die verschiedensten linken Gruppierungen Teil der APO, der außerparlamentarischen Opposition: Nicht allein anarchistische und antiautoritäre Intellektuelle im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), sondern auch Aktivisten der verbotenen KPD, die DKP mit ihren Frontorganisationen wie der DFU und sogar SPD-Sympathisanten wie der Soziologe Erwin K. Scheuch (1928–2003). Obwohl sich Gestern und Heute nicht gleichsetzen lassen, müsse man doch konstatieren, daß angesichts des heutigen „Merkelismus“ die politische Rechte als Ganzes, von den klugen Konservativen bis zum Narrensaum, für die Herrschenden jene Rolle des Staats- und Volksfeindes übernommen habe, die 1968 der APO zugeteilt wurde. Heutzutage hätten Links- und Neoliberale, SED-Erben, Genderisten, grüne Klimareligiöse, die „Antifa“, die Sozialdemokraten sowie die Union einen gemeinsamen Block gebildet, der noch weitaus größer und ignoranter sei, als jener am Ende der sechziger Jahre, so Stolz. So wie die deutsche Gesellschaft jener Jahre ein Übergewicht nach rechts gehabt habe, so bestehe dies nunmehr nach links. Als Psychologe könne er sagen, daß die eine wie die andere Einseitigkeit für eine Gesellschaft nicht gesund sei. Es müsse derzeit darum gehen, wieder eine Balance in der Gesellschaft herzustellen, diesmal von der politischen Rechten ausgehend.

Stolz nannte eine Reihe von Punkten, die für einen solchen Umschwung hin zu einem demokratischen Gleichgewicht nötig seien und die sich Konservative von den ’68er abschauen könnten. Wichtig sei die Breite der Bewegung, die Grenzen setzen, aber nicht ausgrenzen dürfe, die Widersprüche ihrer selbst ertrage und Sonderfälle dulde. Am wichtigsten sei heute jedoch ein gemeinsamer großer Aufbruch derer, die die deutsche Kultur bewahren, verteidigen und weiterentwickeln – abgesichert und getragen von einer konservativen Gegenöffentlichkeit. Weder die Schwindel-Avantgarde der Materialpräsentationen und Performances noch das Aufwärmen historischer Restbestände könne dabei helfen, so Stolz abschließend, sondern nur eine moderne Klassik, die sich zugleich lebendig und geschichtsbewußt den Gegenwarts- und Zukunftsfragen stelle.

 

 

2019-04-26T10:35:47+01:00